Türmerin von Münster

direkt vom turm gebloggt

Silvester ist Schluss, das letzte Tuten…

Silvester wird das letzte Mal getutet.
Das war’s dann mit der Türmerei auf St. Lamberti.
Wie es weitergeht, ist ungewiss…

Moooooment…

Wir befinden uns im Jahr 1922.  Der vorläufig Letzte seiner Art: Türmer Gerhard Altepost, Städtischer Türmer von Münster auf St. Lamberti seit 1907.

Da begann er als Nachfolger des Joseph Buschkötter (dessen Ur-Ur-Enkel übrigens heute bei der Feuerwehreinsatzleitung arbeitet!), und blieb dies auch während des 1. Weltkrieges – bis zu seiner Kündigung.

Denn er hat nicht freiwillig aufgehört, als Türmer von Münster zu arbeiten. Er musste seine geliebte Türmerstube verlassen, weil er einer umfassenden Sparmaßnahme der Stadt zum Opfer gefallen ist.

Im Jahr 1922 war Münster in Folge der Inflation zum Sparen gezwungen. Aber man war sich schon bewusst und einig, dass der Türmer nicht einfach so sang- und klanglos aus dem gewohnten Stadt(klang)bild verschwinden konnte. Und so gab es einen wohlorganisierten „letzten Rundgang“ unter Beteiligung wichtiger städtischer und kirchlicher Persönlichkeiten.

Von den Bürgern Münsters wurde es sehr bedauert, dass nun eines der wichtigsten Symbole des städtischen Selbstverständnisses fehlen sollte, und medial wurde der Abschied des vorläufig letzten Türmers offenbar als trauriger Bruch mit der Tradition bewertet. Der Stadtarchivar Dr. Eduard Schulte schrieb:

„Auch der Türmer von St. Lamberti zu Münster, seit langen Jahrzehnten einer der wenigen letzten Feuerwächter in deutschen Landen, gehört nunmehr der Geschichte an, durch die Entscheidung des Magistrats aus der Liste der Leute gestrichen, die im Stadtdienste ihre Nahrung finden und dafür der Stadt ihre Dienste geben. Ein spätes Kriegsopfer ist der letzte Türmer Westfalens geworden, er, der selbst dereinst zu Kampf gegen Tod und Not berufen war. Was im stillen Archiv Pergament und Papier von ihm melden, in dünnen und zusammenhanglosen Eintragungen, werde lebendig in einem Augenblick, der in unserm übernüchterten Leben wieder ein gutes, gutes Stück altdeutscher Poesie, altwestfälischer Sinnigkeit und altmünsterischer Eigenart zu Grabe trägt als eins der zahlreichen Opfer aus deutscher Kultur für die Erfüllung des Vertrages von Versailles. Und doch war auch das, was wir Menschen des 20. Jahrhunderts fast nur im Rahmen und Schleier der Romantik auf uns wirken lassen, letzten Endes auch nur ein Erzeugnis harter Notwendigkeiten des täglichen Lebens in der Vorzeit, als Mauern und Wälle, Gräben und Vorwerke, Tore und Türme die Städte umgaben, das Wachehalten und Postenstehen bittere Pflicht der Selbstbewahrung und die Feuerschau bei Tag und Nacht eine Folge der dichten Besiedlung der Städte mit Holzhäusern waren.“

(in: Der Türmer von St. Lambertus. Münsterischer Anzeiger vom 30. Dezember 1922)

Am Silvesterabend, Samstag, 31. Dezember 1922 fand auf dem Turm von St. Lamberti eine ganz besondere Abschiedsfeier statt: Türmer Gerhard Altepost empfing um 18 Uhr einige Ratsherren, den Oberbürgermeister Dr. Georg Sperlich, Pfarrer Albert Schütte als Kirchenvorsteher, Mitglieder des Landesmuseums und des Westfälischen Heimatbundes, einige Journalisten und den erwähnten Stadtarchivar Dr. Eduard Schulte.


Wer war Georg Sperlich?

Dr. Georg Sperlich (1877-1941), war zunächst Stadtkämmerer, dann zwischen 1920 und 1932 Oberbürgermeister von Münster. In der Weimarer Zeit machte er sich um die Entwicklung Münsters verdient (z.B. Anlage des Aasees, Halle Münsterland, Verkehrsanbindungen etc.), aber sein Führungs- und Politikstil war nicht unumstritten. Wikipedia sagt: „Die Diskussion um den Bau eines neuen Justizgebäudes auf dem Schlossplatz beendete sein Amt als Bürgermeister, als ihm am 27. April 1932 die Unterstützung durch den Hauptmagistrat entzogen wurde.“ (Klick!)


 

Wer war Eduard Schulte?

Dr. Eduard Schulte (1886-1977), seit 1913 hauptamtlicher Stadtarchivar in Münster, hat eine Kriegschronik über Münster im 1. Weltkrieg geschrieben. Einzusehen im Stadtarchiv und aufbereitet auf den Seiten der Stadt:

Kriegschronik 1914 (Klick!)

Wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung während des 2. Weltkrieges ist Schulte auch nicht unumstritten. Er wurde 1945 von der Stadt entlassen, und nach den sogenannten Entnazifizierungsmaßnahmen durfte er sich beruflich nur unter Einschränkungen der Heimat- und Familiengeschichte widmen.


Obwohl des Türmers Dienstende also mit großer Aufmerksamkeit und Stadtprominenz begangen wurde, war es sicherlich für ihn persönlich ein bitteres Ende: Wegen Sparmaßnahmen nicht mehr arbeiten zu dürfen, obwohl man so lange schon verlässlich jeden Tag in Wind und Wetter das in Münster so wichtige Brauchtum gehegt und gepflegt hatte…

Einen gefährlichen Großbrand erlebte er z.B. am 19. November 1911: Durch unglückliche Umstände brach in der benachbarten St. Martinikirche ein Feuer aus – besonders tragisch: Der Martiniturm war gerade renoviert worden und hatte neue Glocken bekommen, die durch die immense Hitze irreparabel zerstört worden sind. Auch das damals als „höchstes Haus“ der Innenstadt bekannte Haus gegenüber wurde stark beschädigt…

Bei der zwiespältigen Feier also, am Jahresende 1922, wurde durch die anwesenden Herren aber noch einmal ausführlich alles gewürdigt, was zur langjährigen Geschichte der Stadt und des Türmerpostens gehörte. Man machte sich bewusst, dass hier eine jahrhundertealte Tradition abriss und einer ungewissen Zeit voll Not und Entbehrung weichen würde.

Dr. Georg Sperlich

Oberbürgermeister Dr. Georg Sperlich auf dem St. Lambertiturm, Foto: Carl Pohlschmidt

Wer unserer Tage einmal die Türmerstube besucht, fragt sich vielleicht, wie all die Prominenz beim Abschied des Gerhard Altepost Platz gefunden hat. Die Türmerstube sah damals noch völlig anders aus, aus verschiedenen Berichten ergibt sich folgendes Bild:

Dort, wo heute nach 2 Stufen außerhalb und 298 Stufen innerhalb des Turmes oben zwei Türen nach links und nach rechts abgehen, war damals die Türmerstube – heute ist hinter der rechten Tür die Türmerstube. Die andere Tür, hinter der sich heute ein ähnlich großer Raum verbirgt und die steile Holzstiege von 14 Stufen auf die oberste Plattform (wo die schönsten Pressefotos entstehen!), wurde erst viel später eingefügt, als in den 1970er Jahren neue Brand- und Sicherheitsbestimmungen einige Änderungen vorschrieben, beispielsweise das Anbringen von Brandschutztüren – vorher gab es statt ihrer schwere Eichenholztüren. Damals war also der zur Verfügung stehende Raum größer.

letzte Stufen zur Türmerstube

…die letzten der 300 Stufen zur Türmerstube: rechts geht’s zur Türmerstube, links zum Nebenraum, von wo aus noch einmal ein paar Stufen hinauf führen – und in der Mitte hängt eine Ansicht aus Türmer Tons und die Geister von Lamberti …

In der Türmerstube hingen damals laut dem „Westfälischen Merkur“ und anderen Zeitdokumenten vielfältige Schriften aus dem Leben und Wirken der münsterschen Türmer. Das Kerzenlicht der Brandlaterne erhellte den Raum. Die Seidenfahnen der Lamberti-Laischaft von 1780 und der Ludgeri-Laischaft von 1781 schmückten die Wände. Der alte Kupferhahn, der vor dem Neubau des Turmes auf der Renaissance-Haube befestigt war, stand als historisches Zeugnis dekorativ auf einem Tisch, ebenso ein Abbild der silbernen Spielmannsagraffe, die an die Zeit der musikalische Doppelrolle der Türmer vorheriger Jahrhunderte erinnerte. Ein Torhüterstab aus dem 16. Jahrhundert war auch noch erhalten und nun Teil der Abschiedszeremonie – nach dreimaligem Klopfen hielt Oberbürgermeister Dr. Sperlich seine Ansprache. Er versprach, dass die Stadt Münster den Türmerposten wiederbesetzen würde, sobald sich die finanziellen Verhältnisse zum Besseren wenden würden. Und dann wäre der Klang des Hornes das Signal, dass nun neue Zeiten angebrochen wären.

Diese Ankündigung dürfte den Beifall aller Anwesenden gefunden und gleichzeitig die Wehmut des scheidenden Türmers Altepost verstärkt haben. Auch Pfarrer Schütte bekräftigte das Versprechen des Oberbürgermeisters, beizeiten wieder einen Türmer auf St. Lamberti sehen zu wollen.

Das sicherste Indiz, dass der Abschied vom alten Türmer nicht auf die leichte Schulter genommen wurde, war – neben dem hochrangigen Verabschiedungskomitee – der Einsatz des Goldenen Hahnes, aus dem jeder der städtischen Ratsherren und als Letzter dann auch der Türmer einen Schluck Wein nahm.


Goldener Hahn

Der Goldene Hahn auf einem Plakat aus: Stadtansichten. Werbebrücke Kröger, Münster

Was ist der Goldene Hahn?

Mit dem Stadtsymbol des Goldenen Hahnes ist die Legende verbunden, dass bei einer (historisch eher unwahrscheinlichen) Belagerung Münsters ein Hahn auf dem Aegidiitor krähte, dies machte die Belagerer glauben, es gebe noch einen reichen Vorrat an Lebenssmitteln, wenn sogar ein Hahn unbehelligt herumflattern könne. So brach man die Belagerung ab.

Aus Dankbarkeit, so heißt es, sei ein vergoldeter Silberpokal in Form eines Hahnes angefertigt worden – er stammt von dem Nürnberger Goldschmied Jörg Ruel (1598-1625) und wird zu besonders festlichen Anlässen als Trinkgefäß gereicht.

Funfact: Werden die Flügel an den Seiten vom Trinkenden nicht festgehalten, flattern sie ihm ungehindert um die Ohren…


Dann wurden noch allerlei Lieder gesungen, Lambertuslieder und andere traditionelle Weisen. Schließlich war die Silvesternacht vorbei, ein neues Jahr 1923 brach an, alle ginge ihrer Wege, und Gerhard Altepost war Türmer a. D.


Doch wie wir alle wissen, endete an Silvester 1922/23 mitnichten die Türmergeschichte auf der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti – denn schon zum nächsten Silvester konnte Oberbürgermeister Dr. Sperlich sein Versprechen wahr machen und dem Wunsch der Bürgerschaft entsprechen:

Der neue Türmer hieß Gerhard Stüer und tutete seit 1924 frisch ins Horn – übrigens ein kurzes Horn, das in den Wirren des 2. Weltkrieges verschwand, ob eingeschmolzen, zerstört oder entwendet, lässt sich nicht mehr aufklären.

kurzes und langes Horn

links: Gerhard Stüer (1924-1942 Türmer), rechts: Karl Greuling (1950-1958 Türmer)

1942 starb Gerhard Stüer, und die Türmerstelle war abermals vakant – Gefahr für Leib und Leben ließen den Posten zunächst frei; die Innenstadt Münsters rund um St. Lamberti wurde nahezu vollständig zerstört, aber schon 1950 wurde erneut ein Türmer eingesetzt, der von dort oben den Wiederaufbau der Giebelhäuser und des Rathauses mitverfolgen konnte, sein Name: Karl Greuling. Für ihn wurde ein neues Horn gefertigt, das noch heute benutzt wird.

Ihm habe ich bereits einen Artikel gewidmet – Hier klicken!

Über den Abschied des Gerhard Altepost und die Reden des Oberbürgermeisters Sperlich und allerlei drumherum schrieben Johannes Rödiger u.a. – Nachlass einzusehen im Handschriftenlesesaal der ULB: (Klick!)


Einen standesgemäßen Guten Rutsch
wünsche ich nun allen meinen Leser*innen!
Wir sehen/lesen/hören uns 2018!

Türmerin mit Wunderkerze

Foto: Arndt Zinkant; Türmerin mit Wunderkerze. Oberes Gemälde: Wolfgang Riedemann. Unteres Gemälde: Gilla Stoffers.

15 Kommentare

  1. Sehr interessanter Einblick in die Historie- da stecken zwei, drei Romanstoffe drin.
    Ich wünsche einen guten Rutsch und alles Gute für zwo18!

    • Ja! Die münstersche Türmergeschichte ist äußerst komplex und romanpotentialig, ich sammel schon fleißig alles über die Charakterköpfe, was in den Archiven an Mosaikschnipseln zu finden ist 😀
      Alles Gute – man liest sich!

  2. Wilhelm Pohlkötter

    2017-12-31 at 1:04 PM

    Sie haben mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Ein gutes neues Jahr wünsche ich ihnen. Machen sie bitte so weiter.

  3. Klaus Haßelberg, Gelsenkirchen

    2017-12-31 at 1:11 PM

    „Silvester ist Schluss“ – Shocking !

    Meine Güte, meine Gute Martje: Es bleibt zu hoffen, dass dies auf ‚ewig‘ lediglich zur Überschrift der pfiffigen Betrachtungen und Infos aus der Lamberti-Türmerstube dienen wird.

    >Infos< : Beim angeblichen diesjährigen Auftritt der Midwinterhorn-Bläser ist wohl was schief gegangen – die Mensen uit Nederland tuteten nur einge Takte, dann wurde es ihnen wohl te koud und sie packten wieder alles zusammen – Jammer dat !
    Naja, Münster lohnt stets* und ich darf sowieso gratis und bundesweit "Stoptreinen" nutzen (Schwerbehindertenfreifahrt wegen MS, gilt aber nur im Nahverkehr, http://www.oepnv-info.de).
    [*Lesesaal im Haus der Niederlande, gleich neben Lamberti]

    Gute Wünsche zum Jahreswechsel an die Türmerin ! (gibt es diesen Posten auch 'in den Tulpen' ?)

    Klaus Haßelberg

    • ab und zu ein kleiner Schock.. 😉
      Ich bin leider kurzfristig wegen Grippe verhindert gewesen und konnte unsere niederländischen Freund*innen nur ganz kurz begrüßen, neues Jahr, neues Glück, neues Midwinterhoorn-Tuut.
      Eine Tulpen-Türmerin/einen Tulpen-Türmer habe ich noch nicht ausfindig machen können, die Recherche geht weiter.
      Guten Rutsch!

  4. spannend geschrieben, gerne weiter so.

    lg wolfgang

  5. E r l e i c h t e r u n g !!!
    Früchtchen !..anspannend gepostet.
    .wir freuen uns deshalb auch 2018 auf hoheGedanken und shortStories von Dir vom Turm!
    Love n Peace von Martina und Peter !

  6. Auch ich bin angemessen erschrocken und erlebte Erleichterung beim Lesen. Danke für die allzeit spannenden und lehrreichen Geschichten und einen guten Rutsch!

  7. Günter Habijan, Lange Str. 227, 44627 Herne

    2018-01-01 at 2:00 AM

    Bin auch erleichtert!!! Günter aus Herne

  8. Martje, musst du mich morgens so erschrecken? Ist dir gelungen!
    Wünsche dir alles Liebe und Gute für 2018, viel Glück 🍀 und Gesundheit

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