Türmerin von Münster

direkt vom turm gebloggt

Legenden, Mythen, Tuten

Es hat etwas sehr Meditatives: Das allabendliche Treppensteigen, nicht ein, nicht zwei – sondern dreihundert Stufen sind es bis zur Türmerstube, und jede einzelne wird gezählt. Immer wieder. Das ist so ungemein beruhigend. Aktiv gelebte achtschätzende Wertsamkeit. Andere lernen so etwas in teuren Kursen – bei uns Türmer*innen gehört es zum Beruf!Nach etwa zwei Dritteln der Strecke führt eine Tür zur Ratsglocke – das ist auch die Ebene, auf der die Täuferkörbe hängen. Auf dieser Höhe schaue ich mich immer schon mal um, was Interessantes zu sehen ist in Münster.

Die Ratsglocke auf St. Lamberti

Die Ratsglocke auf St. Lamberti von 1594

Dann geht’s weiter, die letzten 14 Stufen sind nicht mehr aus Stein, sondern aus Holz, und dann bin ich am Ziel: In der Türmerstube.

Hier wird zuerst die Einsatzleitung der Feuerwehr angerufen – das ist das hiesige Äquivalent zur Stechuhr, meine Anwesenheitsmeldung wird vermerkt, und dann bin ich ja auch aus Tradition das Auge der Feuerwehr: Sobald ich eine Rauchsäule erspähe, die dort nicht hingehört, drücke ich auf eine Taste auf dem seit 1905 installierten Fernsprecher und gebe Bescheid.

Warum seit 1905? 

Seit dem Jahr gibt es in Münster eine Berufsfeuerwehr, und die Ratsglocke verlor ihre Funktion als Brandglocke, seit 1905 steht also der direkte Draht vom Auge über den Dächern zu den Koordinator*innen der Einsätze zum Retten der Stadt und ihren Bewohner*innen.

Das Meditative, Rituelle geht aber auch nach dem Anmelden weiter; jede volle und jede halbe Stunde zwischen 21 Uhr und Mitternacht gehe ich wie alle meine Vorgänger im Uhrzeigersinn auf der Außengalerie rund um den Turm.

www.rocknklick.de

Foto: Andreas Völker, rocknklick.de

Im Süden wird jeweils zuerst an- und Ausschau gehalten und die Kombination 3×3 getutet. Das ergibt praktischerweise 9, deshalb nennt man das Ganze auch Zeitsignal (um 9 Uhr abends 9 Mal tuten). Zahlenmystisch symbolisiert die 3 natürlich die Dreifaltigkeit, wie die Tutologie (nicht zu verwechseln mit der Blasphemie!) uns lehrt. Weltlicher Beruf – ja, aber Arbeitsstätte war und ist die katholische Stadt- und Marktkirche St. Lamberti!

Im Westen wiederhole ich das Signal des Friedens: Kein Feuer, kein Feind in Sicht.

Im Norden schließlich das letzte Tuten.

Das wiederholt sich nun mit leichten Modifikationen zu  jeder vollen und halben Stunde – wen die vollständigen Angaben zu den Signalen und zur zugrundeliegenden Zahlenmystik interessiert, schreibt mich einfach an und bekommt von mir die Aufstellung „Die hohe Kunst des Tutens“ zugemailt, auch in englischer Sprache möglich („The Art of Tooting„).

Und was ist mit Osten?

Um den Osten, der stets ausgelassen wird, ranken sich Mythen und Legenden. Die einen sagen: Östlich von St. Lamberti lag mal ein Friedhof, die Totenruhe darf man nicht stören, sonst ergeht es einem wie dem Türmer in Goethes Gedicht „Totentanz“…

ZUR INFORMATION:
Hier ist ein sehr gutes Video von GoLego, Goethes Totentanz als animierter Lego-Film („Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht hinab auf die Gräber in Lage…„):

Eine andere Theorie besagt:
Östlich von St. Lamberti wohnte ein reicher Mann, der früh schlafen ging und deshalb dem Türmer einen Silberling dafür gab, wenn er ihn nicht durch Tuten weckte…

… ergänzend heißt es manchmal gar, dieser reiche, früh müde – und mittlerweile sicherlich ur-uralte Mann wohne dort immer noch…
Und ich halte es mit den Kirchenhistoriker*innen, die wissen, dass die Altäre christlicher Kirchen überwiegend nach Osten (Jerusalem und Grab Jesu) ausgerichtet sind – vielleicht handelt es sich bei dem ausgelassenen Signal in dieser Richtung also einfach um eine Respektsgeste dem Sohn Gottes gegenüber…

Kurz: Nichts Genaues weiß man nicht. Aber: Den Osten nicht zu betuten, wird von Türmer zu Türmer zu Türmerin weitergegeben mitsamt allen Mythen und Legenden.

Türmerin

Türmerin mit Utensilien: Umhang, Horn und Ratsglocke; Foto: Claudia Große-Perdekamp

Tradition eben. Und so wunderschön ritualisiert, Abend für Abend, Stufe für Stufe, Tuuuut für Tuuuut… man kann sich in dieser lauten und chaotischen Welt auf wenig wirklich verlassen, aber auf das Tuten von St. Lamberti könnt ihr euch wahrhaftig verlassen, jeden Abend außer dienstags!

Warum nicht dienstags?

Weil statistisch gesehen an Dienstagen die Feuer- und Feindesdichte verschwindend gering ist… 

5 Kommentare

  1. Jochen Weber

    2018-06-27 at 12:46 PM

    Ein – wie immer – lesenswerter Artikel

  2. Corinna Bartl

    2018-06-27 at 6:01 PM

    Hallo, hätte gerne die hohe Kunst des Tutens zugemailt. Meine e-mail: corinna.bartl@gmx.de Danke im Voraus.

  3. Tolle Berichte. Werde es weiter verfolgen.
    Gruß von Burg Breuberg

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