Türmerin von Münster

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„Guter Montag“ – inklusive Turmstubenbücher Juni 2019

Alle drei Jahre wird in Münster ein Traditionsfest gefeiert: Der Gute Montag. Ein Festakt der Bäcker- und Konditoren-Familien.

Mit traditionellen Traditionsfesten und gepflegter Brauchtumspflege kennen wir uns in Münster aus, das ist etwas, was mir ganz besonders gut an dieser Stadt gefällt. Hier weiß man um die Bedeutung der Geschichte, hält sie und die Erinnerung an sie lebendig und ist gleichzeitig offen für Neuerungen und ganz im Hier und Jetzt.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mit einer Bäckerstochter einer solchen Traditionsbäckerfamilie aus Münster zu sprechen; und sie erzählte, dass leider überall bei den Bäckern und Konditoren der Nachwuchs fehle – auch weder sie noch ihre Schwester übernehmen die Familienbäckerei – außerdem sei es finanziell nicht mehr tragbar, die Bäckerstuben alle am Guten Montag zu schließen, wie ursprünglich üblich, und deshalb bangt man um die Fortsetzung dieser guten und hochgelobten Tradition in der Zukunft.

Am 17. Juni 2019 sind wieder drei Jahre um, und wir erinnern uns an die Legende, dass münstersche Bäckergesellen 1683 die Stadt Wien vor der Eroberung durch das türkische Heer bewahrt haben sollen. Und das war der Überlieferung nach so:

Die türkischen Truppen belagerten Wien. In einer Bäckerstube arbeiteten nachts gerade Gesellen, die aus Münster stammten, und diese hörten verdächtige Geräusche, wahrscheinlich grub da jemand einen Tunnel. Der Wiener Stadtkommandant wurde sofort informiert, und so konnte der Plan der feindlichen Einnahme verhindert werden. Der österreichische Kaiser war nach der Überlieferung über die rechtzeitige Warnung und glückliche Rettung so froh, dass er den Bäckern das Privileg eines arbeitsfreien Tages gewährte, dies ist der Gute Montag. Diesen jährlichen freien Tag behielten sie auch, als sie nach ihrer Ausbildung nach Münster zurückkehrten.


Mein Turmstubenbücher-Tipp des Monats Juni 2019 zum Thema:

Julia Schulte to Bühne:
Das Bäckerhandwerk von 1896 bis 1996 am Beispiel der Stadt Münster, Waxmann Verlag, Münster 1999 (Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie,  Band 7)

Julia Schulte to Bühne (*1968), studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster die Fächer Volkskunde, Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte . In Volkskunde promovierte sie – und aus ihrer Dissertation ist das vorliegende Buch entstanden!
Die Entwicklung des Bäckerhandwerks in hundert Jahren – da spielt der Gute Montag natürlich auch eine Rolle!


Ob sich diese oben beschriebenen Geschehnisse in Wien tatsächlich genau so oder ähnlich abgespielt hatten, ist nicht nachzuweisen. Denn fest steht, dass der daraus folgende Feiertag der Bäckergilde bis ins späte Mittelalter zurückreicht. Drei Wochen nach Trinitatis (erste Woche nach Pfingsten) wurde gefeiert, und die Stadtkämmerei zahlte den Ratsherren ein „Weingeld“ aus. Weitere Besonderheiten waren die kostenlose Armenspeisung im Magdalenenhospital (Münsters ältestes Krankenhaus, ursprünglich zwischen Spiekerhof und Bergstraße auf der „Aa-Insel“, später verlegt an die Ludgeristraße) und im Leprosenheim in Kinderhaus…


Doch ab und an gab es Bestrebungen, volkstümliche Bräuche abzuschaffen – in Zeiten der Reformation und Gegenreformation etwa; aber verallgemeinern oder vereinfachen sollte man solche Feststellungen nicht, denn oft ist es komplexer als auf den ersten Blick behauptet.

Wenn auch im Jahre 1565 – nach der Täuferzeit – der „Gude Maendag“ aufgrund einer bischöflichen Verordnung abgeschafft worden ist, so bedeutete das offensichtlich nicht, dass es das Fest dann nicht mehr gab – denn weitere Verordnungen und Bekräftigungen folgten, woraus sich schließen lässt, dass das Verbot nicht wirklich durchzusetzen war…

Es gibt aus dieser Zeit lediglich vom Rat der Stadt Münster durchgesetzte Verbote von „Üppigkeiten“ der Handwerksgesellen der Gilden – das bedeutet: Ruhestörung, lautes Musizieren, besoffene Auseinandersetzungen und Galoppiererei in engen Gassen. Der Gute Montag als solcher wurde aber weiterhin gefeiert.


Mein zweiter Turmstubenbücherei-Tipp zum Thema:

Ronnie Po-chia Hsia: Gesellschaft und Religion in Münster 1535-1618, Aschendorff Verlag, Münster 1989 (Original: Society and Religion in Münster 1535-1618, Yale University Press, New Haven/London 1984), Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster, Neue Folge, 13. Band.

Ronnie Po-chia Hsia (*1955) kommt gebürtig aus Hongkong und studierte in England und den USA – deshalb erschien das vorliegende Buch zunächst tatsächlich auf Englisch.
Er interessierte sich schon früh für die Geschichte der Reformation und Gegenreformation in Mitteleuropa und forschte dazu auch in Münster.
Auch hier ist das Buch aus der Dissertation des Autors entstanden. Er stellt fest:

Die Karnevalsfeier, Guede Maendag sowie andere Volks- und Nachbarschaftsfeste waren in Münster ein fester Bestandteil des bürgerlichen Lebens; in ihnen drückten sich der für den traditionellen, vortridentinischen Katholizismus typische Gruppengeist und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger der Stadt aus.“

R. Po-chia Hsia: a.a.O., S. 179

Wenn Münsters Bäcker und Konditoren heutzutage den Guten Montag feiern, so geschieht dies mit Fahnenschlag vor dem Rathause, einer Prozession über den Prinzipalmarkt zum Domplatz, zur Bezirksregierung und zum Bischof – man munkelt, der Ehrentrunk beim Bischof schmeckt immer am besten, denn er macht zu dieser Gelegenheit den besonders guten Wein auf!

Und jetzt gibt’s bei uns erstmal ein ausgiebiges Früh- oder auch Spätstück mit lecker lecker lecker Brötchen frisch vom Traditionsbäcker unseres Vertrauens! 🙂

2 Kommentare

  1. Georg Krimphove

    2019-06-20 at 9:15 PM

    Sehr schön geschrieben….. wollen wir hoffen, dass wir Bäcker und Konditoren noch viele „Gute Montage“ in Münster feiern können …

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