direkt vom turm gebloggt

Sperrstunde!

Das Tuten des Türmerhorns hebt sich deutlich vom Kirchenglockengeläut ab, es verkündet Feuer, Feind und Frieden – und Sperrstunde! So jedenfalls die Aufgabe im Spätmittelalter, und die Türmerin in Zeiten der Corona nutzt die abendliche Turmzeit und recherchiert, denn „Sperrstunde“ erinnert sie irgendwie an dieses „Lockdown“, von dem heuer immerfort die Rede ist…

Die Zeiten sind schwierig, unplanbar, anstrengend, sorgenbehaftet. Es fällt nicht nur mir schwer, mit sonst gewohnter Lockerheit zu formulieren. Die vielfältigen Themen rund ums Münsterland, um Türmer, Traditionen und Historie sind natürlich auch alle vor dem Hintergrund der aktuellen und allgegenwärtigen Pandemie bei mir präsent. Ich möchte euch daran teilhaben lassen:

Es begab sich aber zu einer Zeit…

Ein Grund (neben anderen), die Sperrstunde für Trinkstuben einzuführen, war: Um die rechtschaffenen Bürger, die des Tages arbeiteten und des Nachts ihre wohlverdiente Ruhe halten wollten, zu schützen – in verschiedenen Quellen auch Hausaus oder Bierläuten genannt, aus Londoner Pubs kennen durch Reisen Gebildete ja auch heutzutage das „Dingelingelingeling“, gefolgt vom lauten „Last Order!“…

Stadtfrieden

Zur Durchsetzung von Ruhe und Ordnung gaben sich die Städte also Friedensgesetze oder Stadtfriedensordnungen. Die Durchsetzung oblag den Tag- und Nachtwächtern.

Eine letzte Finne picheln, dann tacko ab nach Beis in die Firche böschen, und unterwegs nicht zu viel Trallafitti makeimern.*

* [Masematte (Münsters geheimer Soziolekt): Nach dem letzten Bier möglichst schnell nach Hause ins Bett, aber rücksichtsvoll bitte, nicht über Gebühr laut jauchzen, grölen oder ähnliches.]

Der Türmer hielt die Wacht, mit seinem Horn verkündete er deutlich: Es ist Zeit! Und wer dann nichtsdestotrotz noch trinkend oder lärmend auf den Straßen erwischt wurde, dem drohten gefährliche Strafen. Das funktionierte natürlich nur, wenn der Türmer nicht höchstselbst bei Pinkus saß und zechte… Auch solche Anekdoten sind ja überliefert, man wundert sich. Unten in den Gassen der Altstadt sah der Kollege Nachtwächter nach dem Rechten (und dem Linken) und sorgte für Ordnung.

Weitere Verordnungen benennen das Verbot des Waffentragens nach der Sperrstunde, und für uns Türmer:innen war wichtig: das Verbot von offenem Licht auf Heuböden und Ställen!

Alles hängt miteinander zusammen; das Feuer ist eine der größten Sorgen in der mittelalterlichen Stadt, vor Brandausbrüchen warnen die Türmer, und mit der damals üblichen Tierhaltung und den Schobern und der Holzbauweise mitten in der Stadt können Feuer verheerende Schäden anstellen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt:

„Ein betrunkener Knecht, der mit der Fackel den Weg zu seinem Nachtlager suchte, kann leicht einen Großbrand entfachen, der ganze Straßenzüge zerstört.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 252, Sa/So, 31. Oktober/1. November 2020, S. 51 (Historie Gesellschaft, „Letzte Runde“, von Joachmin Käppner)

Nicht nur die Wirtshäuser sollten zu bestimmter Zeit schließen, auch die Stadttore sollten nach dem entsprechenden Hornsignal des Türmers verschlossen werden. Hinein und an den Torwachen vorbei kam später nur noch, wer die Parole kannte; hinaus so ähnlich und vor allem nur mit gutem Grund. Die Stadt wurde zur Festung.


Heutzutage wird leider immer wieder einiges rund ums Mittelalter romantisierend verklärt, das ist seit vielen Jahren eines meiner liebsten Diskussionsthemen (auf Mittelaltermärkten und LARPs, gnihihi), würde hier aber zu weit führen, deshalb sei nur angemerkt:

Dieses Verschließen der Stadttore und diese Sperrstunde für Wirtshäuser waren nichts anderes als eine allabendliche Ausgangssperre. Die Glocke und das Hornsignal (oder Rufen) der Türmer erinnerten ans Auslöschen der Herdfeuer und anderen offenen Feuer.

Klugschieter-Wissen, Teil 1: Curfew

„Couvre-feu“ (bedecke das Feuer) sagt der Franzose zur Sperrstunde, und im Englischen wurde dies zu „curfew“. Et voilà!


Lasst uns einen weiteren Haken zu Corona in der Jetzt-Zeit schlagen:

Pestwellen und Ausgangssperren

Eine interessante Parallele zu den Coronamaßnahmen in manchen Teilen der Welt sind die Pestwellen des (späten) Mittelalters und ihre Konsequenzen in europäischen Städten. Strikte umfassende Ausgangssperren wie heutzutage bekannt aus Frankreich, Italien und kürzlich Österreich gab es damals in vielen Handelsstädten, als die Pest viele Menschenleben kostete und das Virus z.B. auch durch Handel von einer Stadt in die nächste getragen wurde.

Die Handelsstadt Dubrovnik an der kroatischen Küste hieß 1377 noch Ragusa und gehörte zur Republik Venedig. Als die Pestilenz um sich griff, beschloss die Stadtverwaltung von Ragusa, sie könne sich jetzt nicht einfach total abschotten – das wäre wirtschaftlich eine Katastrophe gewesen – sondern jeder übers Land kommende Händler sollte 40 Tage draußen vor den Stadttoren warten. Falls keine Pestsymptome auftraten, durfte er passieren und Handel treiben.

Diese Idee griffen nach und nach auch andere Städte (des Mittelmeerraumes) auf.

Klugschieter-Wissen, Teil 2: Quarantäne

40 Tage – das ist eine Zahl, die nicht wissenschaftlichen Ursprungs war, sondern religiöser Überzeugung entsprang, einen prima Beitrag über die Zahl 40 und ihre Symbolkraft seht ihr beim Domradio, Klick!. Vierzig heißt in den Sprachen des Mittelmeerraumes quaranta, cuarenta usw. – daher kommt unser Wort Quarantäne!


Jetzt aber genug der Haken, ich habe für heute genug geschlagen. Ich sitze in der Türmerstube, grüble über historische Parallelen, lese und recherchiere mich durch die Turmstubenbücher und durch dieses Internet, von dem immer die Rede ist. Gleich ist es wieder Zeit für ein Signal mit dem Horn – ein hoffnungsvolles Tuten für euch, meine sehr verehrten Leser:innen! Leider ist dort unten in den Gassen der Altstadt kein Nachtwächter, der meinem Horn mit Laterneschwenken antworten könnte… Aber:

Vorhin stand eine junge Frau mitten auf dem Prinzipalmarkt, weit und breit keine anderen Menschen, sie schwenkte ein Licht und hatte ein Telefon dabei. Wenig später bekam ich eine E-Mail einer Bekannten, die berichtete, sie habe das Tuten, den Sound ihrer Heimat Münster, durch das Telefon ihrer Freundin vernehmen können (in einer fernen Stadt am Rhein).

Zugeschaut und nachgebaut

Wenn auch ihr euren Freund:innen hinter den sieben Bergen, möglicherweise hinter einer aus Virusgründen geschlossenen Stadtmauer, ermöglichen wollt, das hoffnungsvolle Tuten vom Lambertikirchturm zu hören, stellt euch einfach in gebührendem Abstand mit euren mobilen Geräten auf den Prinzipalmarkt, auf den Domplatz, an den Drubbel!

Tuuuuuuuuuut! Eure Türmerin von Münster.

1 Kommentar

  1. Hannes Demming

    Wieder was gelernt. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.