Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung trug kürzlich den Titel „Grüner Himmelsstürmer“. Darunter: ein Foto eines modifizierten Modells eines Turmes, den ich vor gar nicht langer Zeit besichtigt habe – außerdem geht es um einen Menschen, dessen Thema mich verblüffend an jemanden hier in Münster erinnert…

Franziskusgarten. Welch schöner, klingender Name. 

So soll das Projekt heißen, das einen vertikalen Garten auf dem „Steffl“, dem Wiener Stephansdom zum Ziel hat, wenn es nach dem Künstler Mario Terzic geht.

2020 bin ich in der österreichischen Hauptstadt gewesen und hab mir den legendären Stephansdom von allen Seiten angeschaut. Prächtiger Turm, Mosaikdach, alles imposant und pittoresk, ich fühlte mich wie magisch in eine typische Postkarte hineingeraten.



Der „Steffl“ hat einen sehr markanten vollständigen Südturm – und einen unvollendeten Nordturm. Diesen hat nun ein prominenter Wiener auserkoren, um ein sehr interessantes Projekt vorzuschlagen, das er programmatisch „Franziskusgarten“ nennt. 

Mario Terzic, seines Zeichen neben seiner Eigenschaft als Objektkünstler auch renommierter Landschaftsdesigner, möchte den Nordturm fertigstellen, und zwar in Form eines vertikalen Gartens.

Damit bezieht Terzic sich direkt auf die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus („Laudato si“, die „Sorge für das gemeinsame Haus“, 2015).

„Der Franziskusgarten ist kein Kunstwerk. Er ist die konsequente gartenarchitektonische Umsetzung der radikalen Botschaft Laudato si zu den weltweiten Umweltschäden.“ (Mario Terzic)



Judith Eiblmayr (Architektin, Architekturkritikerin und freie Kuratorin aus Wien) meint, dieses Vorhaben könnte weithin sichtbar Symbolkraft austrahlen:

„Wenn seitens der Stadt Wien Grünfassaden propagiert werden, könnte ein grüner Kirchturm der beste Werbeträger hierfür sein. So ein Projekt mitten in Wien könnte jedenfalls internationale Vorbildwirkung haben und dazu beitragen, die Großstadthitze mit kreativ-frischem Wind zu umwehen.“

(Spectrum)

Cathrin Kahlweit (Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung für Mittel- und Osteuropa) ordnet diesen Plan jedoch so ein:

„Manche Geschichten sind zu schön, um wahr zu sein – oder wahr zu werden. (…) Das Metropolitan- und Domkapitel von
St. Stephan zu Wien jedenfalls, eine Art geistliches Verwaltungsgremium,
hat Terzic Ende Mai einen freundlichen,
aber bestimmten dreizeiligen Brief geschrieben: Nach eingehenden Beratungen habe man einstimmig beschlossen, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.“

(Süddeutsche Zeitung, 17. August 2021)

Terzic wünscht sich laut Artikel jedoch zumindest eine Machbarkeitsstudie.

Sein Plan wird so beschrieben:

„Der Nordturm des Stephansdoms, der – anders als der 136 Meter hohe gotische Südturm – nie fertiggestellt wurde, nun als 68 Meter hoher Stumpen mit Renaissance-Haube sein Leben fristet und im Gesamtensemble keine große Rolle spielt, soll eine Stahlspitze bekommen. Die wiederum würde mit textilen Modulen behängt, und die würden bepflanzt. Das Ergebnis: ein vertikaler Garten. Eine luftige, grüne Oase voller zum Licht strebender Pflanzen.“

(ebda.)

Diese spektakuläre künstlerische Installation wäre für Terzic vielmehr eine Mahnung gegen das Thema der Gegenwart: die Klimakatastrophe – und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wäre dieser grüne Turm ein enormer Point of Interest für Touristys aus aller Welt!


Unsere Stadt- und Marktkirche St. Lamberti zu Münster hat keinen unvollendeten Nordturm. Und doch hat auch hier ein renommierter gartenaffiner Künstler über eine Bepflanzung des Turmes nachgedacht, wenn auch nicht öffentlich und etwas anders gewichtet. 

Zur Vorgeschichte

Wilm Weppelmann, seines Zeichens studierter Germanist und Künstler in Münster mit einem breiten Portfolio (Performance, Photographie, Concept Art, Installation uvm.) hat seit 2005 dem Thema Garten einen ganz besonderen und festen Platz in seinem künstlerischen Schaffen eingeräumt. Seine vielfältigen Aktionen wie z.B. die jährlich stattfindende Gartenakademie haben auf mich seit ich 2014 nach Münster gekommen bin einen enormen Eindruck gemacht. 

Als wir uns kennenlernten und mit der Zeit Freunde wurden, stellten wir fest, dass uns ein großes Thema verbindet: Perspektivische künstlerische Betrachtungen auf Tod und Sterben.

Wilm Weppelmann hat zu diesem Komplex u.a. eine Ausstellung im Sepulkralmuseum Kassel konzipiert, und ebendort habe ich für meine Uni-Abschlussarbeit recherchiert (Thema: Musikalische Sterbe- und Trauerrituale).

Das Garten-Thema

Künstlerisch habe ich ihn unter anderem 2020 mit meinem Projekt „Jeden Morgen in meinem Garten“ begleitet, sowie ein paar Mal mit britischen Songs solo und mit meinem Projekt Duo CaoTina bei Wilm’s Veranstaltung „The Britnic-the picnic„. 

Das Gartenthema war auch in unseren Gesprächen immer präsent, auch mit der Konnotation: Welche Pflanze(n) würden denn auf den Lambertiturm passen? Würde eine Orchidee in der Turmstube gedeihen? Würden Schlingpflanzen sich in den Täuferkörben wohlfühlen? Fließendes Wasser gibt es hier oben jedenfalls nicht, eine Gießkanne müsste mitgebracht werden – vielleicht könnte man Medienschaffende überzeugen, bei Interviewterminen standardmäßig eine Kiste stilles Wasser mitzubringen? (Zwinki-zwonki)

Heute, nach 8 Jahren in der Rolle als Türmerin von Münster, kann ich berichten: Die einzigen Pflanzen, die es in die Turmstube auf St. Lamberti geschafft haben, sind Blumensträuße. Eine veritable Sammlung steht auf einem der beiden breiten Fensternischen – mittlerweile getrocknet. Ein Stillleben, das ganz in die fiktive Konzeptreihe „Ästhetik des Sterbens“ passt. Ganz oben auf dem Turm, quasi „per aspera ad astra“, meine kleine private Ausstellung.

Getrockneter Blumenstrauß mit Schwester M. Euthymia-Kerze in der Türmerstube auf St. Lamberti

Wilm Weppelmann hat mich übrigens sogar einmal hier oben hochoffiziell besucht – trotz Klaustrophobie hat er sich an den immer enger werdenden Aufstieg gewagt und die Enge und die Höhe aus eigener Kraft überwunden, wahrlich bewundernswert!

Er hat danach zwei wunderschöne, sehr berührende Gedichte geschrieben, die meines Wissens nach noch nie veröffentlich worden sind – ich frage ihn, ob eine Veröffentlichung auf diesem Blog eventuell infrage käme.


Jetzt schreibe ich zunächst einen Fan-Brief an Mario Terzic in Wien, den ich bisher noch nicht kennengelernt habe, aber dessen Idee vom grünen Turm mir auf vielen Ebenen extrem sympathisch ist.

Aus Sandstein wie Lamberti ist übrigens auch der Stephansdom – aber statt Teutoburger und Baumberger Sandstein ist es in Wien der Auer- und Mannersdorfer Sandstein. Auf dem Steffl gab’s früher natürlich auch mal Türmer. Würde die Idee von Terzic doch noch Realität, würde eine Reaktivierung des Türmers von Wien Sinn ergeben – der könnte dann die Pflanzen gießen, hegen und pflegen und ihnen etwas vorsingen.


Oida! An dieser Turmbegrünungsidee bleibe ich dran… ob es sich ausgeht…!

Eure Türmerin von Münster.

im Park vom Belvedere... Wien 2020