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per aspera ad astra – Wilm zum Gedenken

Mein guter Freund, der Künstler – das menschliche Gesamtkunstwerk – Wilm Weppelmann ist verstorben. Er hinterlässt bei mir unzählige berührende Erinnerungen. Gerade noch habe ich über ihn geschrieben (hier, klick!)… so viel kreativen Input habe ich ihm zu verdanken.

Münster ohne Wilm? Das ist nicht vorstellbar, so viel hat er dieser Stadt geschenkt.

Wilm Weppelmann
Foto: Bettina Steinhoff

Dieser Beitrag soll eine spezielle Wilm-Episode erzählen, und er enthält zwei bisher unveröffentlichte Gedichte:

Als ich 2014 gerade ungefähr 4,5 Monate als Türmerin von Münster auf St. Lamberti war, lernten Wilm und ich uns kennen und er äußerte die Idee, eine Gedichtserie rund um den Turm zu konzipieren. Zur Inspiration war natürlich ein Turmbesuch wichtig – allerdings gab es diesbezüglich ein enormes Hindernis …

… und zwar Wilms riesige Angst vor der Höhe bzw. vor dem Aufstieg.

Wenn man hinauf zur Türmerstube möchte, sind vor dem Turm 2 und im Turminneren 298 Stufen steinerne Wendeltreppe zu bezwingen. Je höher es hinaufgeht, desto enger wird’s. Der Aufstieg ist komplett geschlossen, keine Fenster, keine offenen Stellen. Einmal (nach 122 Stufen) kommt ein größerer Raum, wo die große Fahnenstange aufbewahrt wird und einige Fotos und Skizzen dokumentieren, wie der Turm von St. Lamberti sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Danach wieder schmale dreieckige Wendeltreppenstufen, die sich eng in die Höhe schrauben. Auf dem Wege ein kurzer Halt und Abstecher nach draußen auf die Ebene der Ratsglocke, wo die Täuferkörbe direkt auf Augenhöhe hängen. Wieder hinein und weiter hoch. Noch 75 Stufen. Dann endlich die Tür zur Türmerstube, nach genau 300 Stufen.

Wilm hatte große Bedenken, ob er die Enge des Aufstiegs würde bewältigen können. So groß die Sorge, so groß war auch die Neugier und die Erwartung, dass die Höhe am Ende des Weges und der Blick in die sternenklare Nacht die geplante Gedichtserie beflügeln würden.

Ich merkte ihm an, wie sehr er sich fokussieren musste. Es fiel ihm überhaupt nicht leicht, Stufe um Stufe in dem immer enger werdenden Turminneren zu gehen. Aber er überwand die Angst, am Ende stand er glücklich draußen vor der Türmerstube am hohen Balkone, schaute in den Himmel hinauf, sog den Mond und die Sterne in sich auf und war voller Erleichterung: durch die Enge zu den Sternen, per aspera ad astra.

Ich werde Wilm immer genau so in Erinnerung behalten: Voller Ideen, die alle hinauswollen in die Welt, voller Staunen über die kleinen Details, mit der Fähigkeit, Unglaubliches in Worte zu fassen, für Weltliches überweltliche Inszenierungen zu finden, scheinbar Unverbundenes zu verbinden, ein Netzwerk zu stricken und immer und überall authentische Herzenswärme zu schenken.

Hier sind die Gedichte, die direkt im Anschluss seines Besuches auf dem St. Lambertikirchturm entstanden sind (datiert auf Wilms Geburtstag):

per aspera ad astra
Seneca (* 1 n. Chr.,
† 65 n. Chr.)
‚Herculens furens‘
durch die Enge
zu den Sternen

mond
ein gesicheltes etwas
schmalschlitzig licht
senkt das meer
zwischen den wolken
zur ebbe
zur weiten flur
damit wir
frei
hinaufträumen
unseren mann
für den mond
niemand kann uns daran hindern.

türmerin
traumfangen
auf den zinnen
am unteren rand des himmels
die stundentöne
sind voll bedacht
wacht über der stadt
über dem trubel der nacht
sickern langsam nebelschleier
dann hören wir das horn
schauen hinauf
sehen uns klein vor sternenwelten.

Das Horn klingt jetzt zum Gedenken. Ob er es hört, in den Sternenwelten?
Herzlichen Dank an Karin, die dem Veröffentlichen der Gedichte zugestimmt hat. Alles erdenkliche Gute.

Nachdenklich, eure Türmerin von Münster.

Britnic 2021 - vor der Eulenburg!
The Britnic – Das Picknick, Foto: Bettina Steinhoff, 2021 (ganz rechts: Wilm Weppelmann)

2 Kommentare

  1. Christa Farwick

    Liebe Martje, danke für deine schönen Worte über Wilm und seine Gedichte. Ja, genauso ist es, Münster ohne Wilm ist gar nicht vorstellbar. Auf dass seine Ideen weiter die Stadt beschwingen. und er Vorbild bleibt, das Herz zu öffnen.
    Herzliche Grüße
    Christa

    • Türmerin

      Danke für die schöne Rückmeldung, liebe Christa, solange wir Zurückbleibenden voller Wärme und Inspiration an unseren Wilm denken, ist er bei uns.

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