Kategorie: Vorgänger (Seite 12 von 12)
Zur Vorweihnachtszeit werden Viele ganz sentimental, ich versuche dann, mich sinnvoll zu beschäftigen (abzulenken) – mit Lesen und Recherchen über die Vergangenheit und was diese mit uns heute noch zu tun haben mag. Im Turm geht dies ganz hervorragend, ist man doch automatisch 300 Stufen weit weg von den alltäglichen Problemen und der alljährlichen Sentimentalität und dafür viel näher in einer vergangenen und doch immer noch präsenten Zeit, der Zeit der früheren Türmer, die Zeit, als Münster noch eine Stadtmauer hatte… wohlan! Direkt vom Turm gebloggt:
Der münstersche Zwinger und auch der Buddenturm waren Teil des Stadtbollwerks, der Stadtmauer, an deren Stelle heute unsere beliebte Leezen-Rennstrecke, die Promenade, liegt. Türme in Stadtbefestigungen – auch in Münster – dienten bis in die Neuzeit als Gefängnis, und damit waren die Turmwächter letztlich in diesen Fällen Gefängniswärter – das galt aber nicht für Türmer auf Kirchtürmen!
Raue Zeiten, raue Sitten – Paul Maar zitiert ein Statutenbuch von 1572:
„Wenn durch des Turmhüters gefährlichen Unfleiß ein Gefangener aus dem Turm entflieht, soll der Turmhüter die Strafe erleiden, die dem Gefangenen auferlegt war.“ (Maar in „Türme“ 1987/2005, S. 216)
Das führte anscheinend tatsächlich zu vielen jahrelang eingesperrten ehemaligen Türmer und sogar einigen gehängten ebensolchen…!
Dazu passend ein Blick in Jacob und Wilhelm Grimms Wörterbuch von 1891:
„thürmen: Jemand in einen (Gefängnis-)turm setzen, werfen„
Heute bedeutet „türmen“ landläufig genau das Gegenteil, nämlich „fliehen“; welch interessanter Wandel des Wortgebrauches!
Fazit: Nicht nur die Aufgaben und die Rezeption der Türmer haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, auch die Türme, ohne die die Türmer nicht Türmer wären, haben oft ganz verschiedenen Zwecken zu verschiedenen Zeiten gedient – ein Besuch im Stadtmuseum Münster und eine Führung in den Zwinger eröffnen einem Horizonte zu diesem und anderen Themen… und ich meinerseits bin ganz froh, städtische Türmerin auf einem Kirchturm zu sein, wenn auch auf einem mit spektakulärem, makabrem „Anhängsel“ (den sogenannten „Wieder-„Täufer-Körben) – aber das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit erzählt werden wird… 🙂
Teil 1: Die Lambertus-Glocke, 1493
Unterer Durchmesser: 153cm.
Umschrift:
† Sum – tuba – magna – dei : divi – sub – nomi(n)e – patris Lamberti – populos – ad – sua – templa – vocans – Gherardus – de – wou – camppensis – m – fecit – Anno domini – m – cccc – xciij.
(zitiert nach Max Geisberg: Quellen zur Kunstgeschichte der Lambertikirche in Münster. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1942).
„Als die größte Glocke bin ich dem Kirchenpatron Lambertus geweiht. Ich rufe die Herde Lamberti zum Gottesdienst. Gherardus von Wou aus Kampen hat mich angefertigt im Jahre des Herrn 1493.“
Bei dem hier genannten „Gherardus de Wou Camppensis“ handelt es sich um keinen Geringeren als den berühmten Gerhard van Wou „van Kampen“ (geboren um 1440 in Hintham, Brabant; gestorben im Dezember 1527 in Kampen, Overijssel). Er war der Meister-Glockengießer, der u.a. die schöne „Gloriosa“ für den Erfurter Dom geschaffen hat!
In Münster hängt von ihm außer der Lambertus-Glocke auch noch die Marien-Glocke aus dem selben Jahre.
Das tiefe c erklingt, wenn die Lambertus-Glocke schwingt.
Dass diese alten Glocken erhalten geblieben sind, beweist, dass die „Wieder-“Täufer während ihrer Schreckensherrschaft nicht alles kirchliche Geläut und Gebilde zerstört haben.
Kerssenbroch schrieb über die Lambertus-Glocke, sie habe in alten Zeiten
„mit dreimaligem Läuten den Rat zum peinlichen Gericht und zu den Sitzungen, die Bürgerschaft zum nächtlichen Wachtdienst und zum Verlassen der Straße“
gerufen (Geisberg 1942, S. 61).
Außerdem schlug sie die vollen Stunden.
„Als Abendglocke wurde sie noch 1863 von Oster-Montag bis zum Münstersendtag im Herbst um 9 Uhr, von da an um 8 Uhr durch den Turmwächter geläutet.“ (ebd.)
Ein vermutlich im 17. Jahrhundert auf den Glockenmantel gemaltes Gerippe soll nach Geisberg wahrscheinlich Bezug auf die Verwendung als Gerichtsglocke und Totenglocke nehmen.
Kiepenkerl
Bei der Recherche über interessante Münsteraner Persönlichkeiten mit Bezug zu „meiner“ Lambertikirche bin ich auf den 2001 verstorbenen Bäckermeister, Kommunalpolitiker und Traditionsliebhaber Heinrich Morthorst gestoßen, der Vielen als DER Kiepenkerl ein Begriff sein wird.
Die 2003 erschienene Biographie über Heinrich Morthorst von Dr. Günther Mees (ehemaliger Chefredakteur der Bistumszeitung Kirche+Leben) ist ein außergewöhnliches literarisches Denkmal für einen außergewöhnlichen Menschen.
Ein Türmer kommt selten allein…
Die Rezeptionsgeschichte der Türmer von Münster ist verblüffend: Während der Ständegesellschaft gering geschätzt und verachtet, im Jahre 1950 die gefeierte Wiederbesetzung nach dem II. Weltkrieg, nach und nach immer größeres Medieninteresse, und heute gibt es tägliche Anfragen für Interviewtermine etc. mit der Türmerin von Münster!
Wer waren eigentlich die Vorgänger der ersten Frau auf Lambertis Turm?



