Diese Pressemeldung* weckt natürlich das Interesse eines jeden Geschichts-Fans:

Eine Erdkloake war in früheren Zeiten eine unterirdische Grube für menschliche Fäkalien und auch Müll – lange bevor das System der Wasserklosetts erfunden und die Abfallwirtschaftsbetriebe gegründet worden sind 😉 Doch genau weil dort damals alles mögliche gelandet ist, gelten Erdkloaken der heutigen Archäologie als wahre Schatzkammern bzw. Zeitkapseln.

Stadtarchäologie – ein tolles Berufsfeld!

Und so ist es offenbar auch hier in Münster. Unter der abgerissenen Turnhalle der Schule an der Grünen Gasse und unter den ehemaligen Schulhofflächen kam einiges an Hausinventar des 18. und 19. Jahrhunderts zum Vorschein:

Fragmente von Keramikgefäßen und Glasobjekten, Metallgegenstände sowie Reste von Lebensmitteln wie Tierknochen oder Austernschalen.

Mitarbeitende der Stadtarchäologie Münster legen auf dem Gelände des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums alte Gebäudeteile frei, die dort zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert entstanden sind. Die Funde traten bei Bauarbeiten zur Erweiterung der Schule zutage.
Foto: © Britta Roski / Stadt Münster, siehe Pressemeldung Bild 2

Was mich dabei besonders interessiert: Das aktuelle Baufeld überschneidet sich großflächig mit den ehemaligen Garten des Adelshofes der Fürstin Amalie von Gallitzin!

Der Hof selbst stand am Platze des heutigen Schuldgebäudes. Im historischen Gartenbereich sind sogar Spuren von mittelalterlichen Siedlungen des 13. und 14. Jahrhundets nachweisbar. Dort wurde auch ein Bruchstein-Brunnen entdeckt.

In der Pressemeldung wird auch klar, warum die Expertinnen und Experten der Stadtarchäologie  zum Einsatz kamen: Immer, wenn ein Bodendenkmal durch städtische Baumaßnahmen zerstört werden muss, ist das Stadtplanungsamt der Stadt Münster – genauer die hier angesiedelte Archäologie – laut Denkmalschutzgesetz zuständig für die wissenschaftliche Untersuchung, die Dokumentation der Funde, und auch teilweise die Bergung und Erhaltung der Fundstücke.

Alles wird fotografiert, digital vermessen und beschrieben. Neben mobilen Endgeräten und einer Clouddatenbank werden von manchen Bodendenkmälern auch Zeichnungen von Hand angefertigt – ein sehr schöner Beruf!

Die beweglichen Teile der Funde werden geborgen und im Fundmagazin in Coerde (Speicherstadt) gereinigt und ebenfalls fotografisch erfasst, dann archivarisch verpackt und eingelagert.

Ein Mitarbeiter der Stadtarchäologie Münster fertigt eine Zeichnung von Gebäudespuren an, die auf dem Gelände des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums im Boden gefunden wurden.
Foto: © Britta Roski / Stadt Münster, siehe Pressemeldung Bild 1

Das Annette-Gymnasium soll erweitert werden, deshalb mussten die alte Turn- und die Gymnastikhalle weichen. Es werden eine neue Sporthalle und neue Fachräume für Musik und Informatik gebaut, um das Gymnasium für das Abitur nach neun Jahren (G9) umzubauen. Auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert. Die Planungen sehen vor, bis zum Winter 2028/2029 fertig zu sein.

Mimigernaford

Ganz Münster ist auf historischen Grund gebaut, und so finden sich immer mal wieder interessante Zeugnisse früherer Zeiten. Die Siedlung Mimigernaford, die 793 in einer Urkunde Karls des Großen genannt wird, wurde durch Ausgrabungen zwischen Überwasserkirche und Altstadt lokalisiert – Fundamente von Häusern, Gruben und Keramik aus dem 8. und 9. Jahrhundert beweisen die Existenz der erwähnten Siedlung.

Weitere Funde der Stadtarchäologie sind hier zu entdecken: Klick!

Stadtarchäologie: Funde

Die Funde auf dem Gebiet des Gartens der Fürstin Amalie von Gallitzin beflügeln indes meine Phantasie…

Familia Sacra

Bekannt ist Amalie von Gallitzin ja vor allem für ihren Gesprächskreis aus lauter illustren Persönlichkeiten aus Philosophie, Theologie, Kunst, Pädagogik und Politik, den „Münsterschen Kreis“, auch „Familia Sacra“ genannt. 

Vernunft, Bildung und katholischer Glaube waren Amalie ein tiefes, ernstes Anliegen. Sie heiratete 1768 im Alter von 20 Jahren den russischen Diplomaten und Fürsten Dimitri von Gallitzin (auch: Golizyn). 1779 zog sie allein mit ihren beiden Kindern, die Mimi und Mitri genannten wurden, nach Münster: Ein Landsitz in Angelmodde, ein Stadtsitz in der Innenstadt Münsters. Bemerkenswert ist, dass ihr wichtig war, dass auch Tochter Mimi eine umfassende vielseitige Bildung genoss und sogar das Schwimmen lernte – es ist verzeichnet, dass sie selbst mit den Kindern in der Werse schwamm. Daran denke ich jedes Mal, wenn ich den Werse-Radweg entlang fahre.

Mehr zum Werse-Radweg und anderen tollen Radtouren, auch zum Gallitzin-Haus in Angelmodde, siehe hier, klick!

Münster Marketing: Radtouren bis 35 km

Nun meine Gedanken zum Garten der Fürstin, wo heute aktuell die Stadtarchäologie im Zuge des Erweiterungsbaus des Annette-Gymnasiums genau hinschaut:

Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe, damals 43 Jahre alt, hat sie dort einmal im Jahr 1792 besucht! Das war im Dezember – und sicherlich viel zu kalt, als dass sie lässig im Garten sitzen hätten können; aber vielleicht gab es einen kleinen Spaziergang draußen, um frische Luft zu schnappen bei all den intellektuellen Höhenflügen? Ein Gemälde zeigt den Besuch Goethes: der Kunstmaler Theobald von Oer hat Goethe zusammen mit der Fürstin von Gallitzin, dem Freiherrn von Fürstenberg und weiteren Persönlichkeiten aus dem „Kreis von Münster“ in Öl verewigt.

Das Bild ist – soweit ich weiß, wer es besser weiß, korrigiere mich bitte! – als bischöfliche Leihgabe im LWL-Museum für Kunst und Kultur.

Es handelt sich natürlich nicht um ein historisches echtes Zeugnis der Zusammenkunft, es ist vielmehr ein Phantasiebild eines Treffens. 

Tod eines Philosophen

Ein sehr häufiger Teilnehmer der Diskussionsrunde „Familia Sacra“ war der Philosoph Johann Georg Hamann. Er starb im Jahr 1788 im Stadthof an der Grünen Gasse. Die Fürstin Amalie veranlasste, dass er in ihrem besagten Garten beerdigt wurde – denn damals gab es im katholischen Münster noch keinen evangelischen Friedhof, und Hamann war ein evangelisch-lutherischer Denker…

Findet die Stadtarchäologie also auch bald die sterblichen Überreste von Johann Georg Hamann? – Nein! Denn sein Leichnam ist längst umgebettet worden: Sein Grab ist bis heute auf dem Überwasserfriedhof zu sehen, mit einer Urne als Grabsteinzier. Dieser Friedhof ist nun auch schon längst aufgegeben und Teil der städtischen Naherholungsgebiete…

Mariannes Stammbuch

Ein Buch zeugt übrigens von den vielen Gästen der Amalie von Gallitzin: das sogenannte Stammbuch, in das sich alle Gäste und Gesprächspartner eingetragen haben. nach dem Tod der Fürstin war es im Besitz ihrer Tochter Marianne (genannt Mimi). Und heute ist es im Stadtmuseum Münster!

Ihr könnt es dort auch digital durchblättern!

Es gilt außerdem als außergewöhnliche Quelle der Kulturgeschichte, da Frauen sehr, sehr selten Hüterin oder gar Besitzerin von Stammbüchern dieser Art waren. Vor dem Spiegel des Forschungsinteresses der weiblichen Perspektiven auf Bildung, Netzwerk und Erinnerungskulturen um 1800 ist es also wiederum ein hochinteressantes Exponat!

Das Stammbuch im Stadtmuseum, klick!

In der Ausstellung Anfang 2026


Münster steckt voller Geschichte(n). Ich bin gespannt, was ich noch alles entdecken werde über meine Wahlheimat.

Über Amalie von Gallitzin habe ich bereits einen Artikel geschrieben: Amalie – DIE Influencerin der deutschen Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts, klick!

Viel Spaß auf den Spuren von Amalie und ihrer Wirkung bis heute, und natürlich eine schöne Gartensaison wünscht euch:

Eure Türmerin von Münster.