Wir machen heute einen Zeitsprung mitten rein ins Historytainment. Es geht um einen Mann, der Opa Stüer genannt wurde, einer meiner Vorgänger war, und darum, welcher Zufall mir ein privates Foto von ihm in die Hände spielte.
Im April 1942 starb der städtische Türmer von Münster. Sein Büro, die Turmstube auf der katholischen Stadt- und Marktkirche St. Lamberti, blieb zunächst, bis 1950, unbesetzt. Das erwies sich als richtige Entscheidung; denn im Jahr 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde das Stadtzentrum rund um die Lambertikirche schlimm durch Bomben zerstört.
Das Stadtmuseum beschreibt dies so:
„Am 10. Oktober 1943 zerstörte der erste Tagesangriff auf Münster das gesamte Stadtzentrum. Das Datum wird in Münster dauerhaft mit dem Grauen des Kriegs verbunden bleiben. Nach offiziellen Angaben starben 473 Zivilisten und knapp 200 Soldaten – die Zahlen der ums Leben gekommenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter sind nicht bekannt. Dieser Luftangriff forderte mehr Opfer als jede andere Bombardierung Münsters während des gesamten Zweiten Weltkriegs. Das Stadtzentrum war das ausdrückliche Ziel dieses Angriffs.
Die Stadt Münster war von den Auswirkungen des alliierten Luftkriegs besonders betroffen. Ihre Bedeutung als Garnisons-, Verwaltungs- und Handelsstadtwie auch als wichtiger Knotenpunkt am Dortmund-Ems-Kanal zwischen Ruhrgebiet und dem Norden und der Mitte Deutschlands war den Briten schon früh deutlich geworden. In den Jahren zwischen 1939 und 1945 gab es insgesamt 1.128 Luftalarme und 102 Luftangriffe auf Münster. Es kamen nahezu 1.600 Menschen im Laufe dieser Luftangriffe ums Leben.
Eine Präsentation im Stadtmuseum führt dem Besucher die Zerstörung der Stadt eindrücklich vor Augen. Anhand zahlreicher zeitgenössischer Fotografien kann die Auswirkung des Bombardements an vielen bekannten Bauten Münsters nachvollzogen werden. Die massiven Zerstörungen und die Anhäufen von Ruinen und Trümmern zeigen die Situation, aus der heraus nach dem Ende des Krieges die Stadt erst wieder neu erstehen musste. Das Leid der Zivilbevölkerung ist angesichts der Zerstörung zumindest zum Teil zu erahnen.“
Quelle: Stadtmuseum Münster,
Bombenangriff am 10. Oktober 1943
Wer war der Türmer, der diese Zerstörung
seiner Stadt nicht mehr erlebt hatte?
Gerhard Stüer war sein Name. Er begann seine Tätigkeit für die Stadt Münster im Jahr 1924. Und zwar in der Silvesternacht!
Sein Vorgänger und Namensvetter, Gerhard Altepost, hatte in der Silvesternacht 1922 aufgehört – oder besser gesagt: aufhören müssen. Die Inflation war schuld daran, und die politischen Entscheidungen der Stadt Münster, den Türmerposten einzusparen. Dass diese Entscheidung aber nicht leicht fiel und außerdem so einiges daran hing, das lest ihr in meinem Artikel „Silvester ist Schluss – das letzte Tuten“, Klick!
Ich kenne Gerhard Stüer nur aus meiner Recherche. Er ist ein Name, er ist eine Jahresangabe (Türmer von 1924-1942), er ist auf ein paar alten Fotos (der Türmer mit dem kurzen Horn):

Vor kurzem hat Gerhard Stüer eine neue Facette dazubekommen: Er ist ein ganz persönliches, echtes Foto in Schwarz-Weiß. Auf der Rückseite steht: Opa Stüer, Türmer von St. Lamberti.
Es zeigt Gerhard Stüer sitzend im Halbprofil, neben sich das Türmerhorn, im Mund eine lange Tabakspfeife – das war mal sehr modern –, hinter sich an der Wand das berühmt-berüchtigte Propaganda-Plakat mit dem Schriftzug „EIN VOLK. EIN REICH. EIN FÜHRER.“
Und damit kann man auch die Zeit der Aufnahme ungefähr eingrenzen: Seit 1933 warben die Nationalsozialisten mit dieser Losung aggressiv für nationale Geschlossenheit und ihr Ideal der sogenannten „Volksgemeinschaft“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 fand das Motto verstärkt Verwendung, um die Einheit von „Führer“, Partei und Bevölkerung auf Österreich zu übertragen und um die nationale Einheit von Deutschen und Österreichern als „ein natürliches Volk“ mit gemeinsamer Geschichte und Zukunft zu propagieren.
Dass dieses Plakat im Hintergrund zu sehen ist, lässt allerdings keine Rückschlüsse auf die Gesinnung des Türmers zu – uns bleibt ohne weiteres Wissen der Umstände nur, es vor dem Spiegel der Zeit zu sehen (üble Propaganda war allgegenwärtig), und die Turmstube war schließlich ein städtischer Büroraum, vielleicht gab eine Anordnung, das Plakat zu hängen? Wenn es jemand weiß, der diese Zeilen und meine Frage liest, freue mich mich über einen Kommentar oder eine Zuschrift!


Ich freue mich jedenfalls über diese Bereicherung meiner kleinen historischen Sammlung über die Türmer von Münster und werde weiterhin die Ohren, die Augen und mein Herz offenhalten für Mosaiksteine über Münstergeschichte, mein Spezialinteresse.
Überreicht hat mir dieses Foto Frau N. von der kfd in Münster-Süd, bei einem meiner Informations-Vorträge über das Städtische Türmerwesen von Münster.
Ich darf dieses Familien-Erinnerungsstück behalten, da es mit jeder Generation weniger Menschen gibt, die noch eine lebendige Erinnerung an Opa Stüer haben.
Ich werde dieses Kleinod in Ehren halten und hoffe, bald noch mehr über Gerhard Stüer und andere meiner illustren Vorgänger auf dem Lambertikirchturm zu erfahren.
Vielen herzlichen Dank, liebe Frau N.! Alles erdenkliche Gute Ihnen und allen meinen Leserinnen und Lesern,
Eure Türmerin von Münster.



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