Türmerin von Münster

direkt vom turm gebloggt

Seite 70 von 70

Der neue Turm

Wir schreiben das Jahr 1887: Der Turm neigt sich, es gibt Risse und Schäden, es ist vordem immer nur nach oben gebaut worden – ohne Rücksicht auf das Fundament; bereits 1871 wurde mit dem Umbau des Kirchendachs begonnen.
Pfarrer Uppenkamp, Pfarrer von St. Lamberti schrieb im Vorwort bei Max Geisberg 1942:

Auch verdient die Geschichte des Turmneubaus wirklich einmal eine alle Quellen berücksichtigende Darstellung, und es ist erfreulich, daß das Urteil des Verfassers über diesen Turmbau weit günstiger lautet, als die im Anfange unseres Jahrhunderts üblich gewordene Ablehnung in weiten Kreisen. Daß der unvermeidliche Abbruch des alten Turmes einen schmerzlichen Verlust bedeutet und die Pfarrkirche im Laufe der Jahrhunderte manche kunstgeschichtlich beklagenswerte Verluste erlitten hat, ist schon von A. Schütte {=Albert Schütte, Prälat – Anm. M. Saljé} anerkannt worden.

Der „alte“ Turm sieht so aus:

Lamberti 1870

St. Lamberti in den 1870er Jahren. Quelle: Galerie Bassenge, Kunst-, Buch- und Fotoauktionen

Weiterhin lesen wir bei Max Geisberg (S. 3):

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß die heutige Lambertikirche das dritte Gotteshaus an dieser Stelle ist, und der 1881 abgebrochene, seit 1887 durch einen Neubau ersetzte Turm diesen drei verschiedenen Bauepochen der Kirche angehörte.

Die sichtbaren Zeichen der Vorgängerbauten am „alten“ Turm sind also mit dessen Ersetzung verschwunden. Das ist für die Kunsthistorikerschaft schade, zugleich bietet jeder Neubau auch neue Chancen, und die wurden hier definitiv genutzt. Doch dazu später.
Interessant in Hinblick auf das Türmer-Amt ist z.B. diese Feststellung zum historischen Turme bei Geisberg (S. 10):

Immer wieder betonten die Ratsprotokolle, daß der Kirchturm specula civitatis sei.

Ein Turmwächter im Auftrage der  Stadt ist also für die Brandglocke und die Feuerwache zuständig.
Auf Seite 11 lesen wir:

Die ersten Nachrichten vom Überneigen des Turmes gehen in die Wiedertäuferzeit zurück.

Und weiter auf S. 15 weitere Hinweise über die Entwicklung des Turmes:

Von einem periculösen Schaden der Kirche bei dem Turm, wo die Treppe steht, berichten die Quellen zum Jahre 1617. (…) Schon 1638 zeigten sich Risse zwischen dem Turm und dem Gewölbe, die wohl durch ein neues Überneigen des Turmes verursacht sein werden.

S. 17f. berichtet:

Erst 1830 ist von einem Gerüchte die Rede, der Turm sei mehr aus seiner Lage gewichen und habe Risse im Mauerwerk erhalten. (…) Wieder im September 1858 beunruhigten Gerüchte von Schäden an dem Turm und der Südwestecke die Bevölkerung.

Es gibt weitere Gutachten, der damalige Bischof Johann Georg Müller erhält 1865 einen Brief des Kirchenvorstands, in dem nachdrücklich vor einer Katastrophe gewarnt wird, wenn der alte Turm nicht ersetzt würde. Vier Jahre später wird Hermann Joseph Kappen Pfarrer von St. Lamberti. Im Jahr 1869 beruft Kappen ein Komitee ein, das ein Programm zum Neubau des Turmes ausarbeitet. Sodann wird (siehe S. 19:)

eine beschränkte Konkurrenz eröffnet zwischen dem Paderborner Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig (1830-1908, der aber ablehnte), dem 1862 vom Bischofe nach Münster berufenen Baumeister Hilger Hertel (1830-1890), Franz Xaver Lütz in Osnabrück (1840-1898) und August Rincklage (1843-1915).

Im Folgenden wird zunächst ein neues Dach entworfen. Das Komitee entscheidet sich für Hilger Hertel als Bauleiter und das Dach wird nach seinen Entwürfen gebaut. Das alte Pfannendach weicht einem neugotischen Schieferdach mit kleinen Querdächern über den Seitenschiffjochen.
Den so entstandenen Stilbruch beschreibt Geisberg auf S. 20:

Der alte Turm und das neue Dach bildeten einen Mißklang, der nicht zu beseitigen war.

Und so wird schlussendlich auch nach weiteren Gutachten endlich der alte Turm abgetragen.
Pfarrer Kappen sagt laut Chronist Julius von Ficker (zitiert nach Geisberg 1942, S. 27):

in einer Predigt 17.IX.1882, daß er von diesem Projekte als dem, dem Stil der Kirche allein entsprechenden, von geringen Einzelheiten abgesehen, nicht nachgeben werde. Ein anderes Projekt werde, solange er Pfarrer von St. Lamberti sei, nicht ausgeführt werden. Hier ist offen ausgesprochen, daß nicht Hertel, sondern Kappen der Urheber des Wunsches ist, der Kirche am Markt in Münster einen Freiburger Münsterturm zu geben.

Der Bauherr Hertel kämpft ebenfalls um „seinen“ Turm, wie Geisberg vermutet, nicht nur aus Ehrgefühl, sondern auch aus wirtschaftlichem Interesse heraus.

Oft wird der Vorwurf gehört,

die von Pfarrer und Baumeister getriebene Kirchengemeinde (habe leichten Herzens) den ältesten Turm der Altstadt gegen den höchsten eingetauscht.

Geisberg schildert jedoch demgegenüber detailliert die ungleich kompliziertere Geschichte des Abbruchs ab S. 28ff. und sagt

Ich will offen bekennen, daß ich zu denen gehöre, die den Turm für schön, für eine technische Leistung ersten Ranges und ein nicht geringes Kunstwerk halten, obwohl mir seine Vorbilder nicht unbekannt sind. Daß der alte Turm und das alte Dach nicht mehr das Stadtbild zieren, ist freilich gewiß schade. Daß es aber möglich gewesen wäre, sie zu erhalten, wird niemand beschwören wollen, wer die Geschichte jener zehn Jahre kennt.

Wenn man nun wie ich ausschließlich den „neuen“ Turm von 1898 persönlich kennt, ist man ziemlich erstaunt, dass dieser völlig harmonisch scheinende neogotische Turm NICHT immer schon genau so zur Lambertikirche gehört hat. Bei jeder Gelegenheit betrachte ich die Skizzen und Zeichnungen von den äußerlich völlig unterschiedlichen Türmen und wundere mich immer wieder aufs Neue. Dieser Turm, wie wir ihn kennen, wird natürlich auch in regelmäßigen Abständen genaustens untersucht, die nächste Begutachtung der Substanz und Co. wird voraussichtlich im Juli 2014 stattfinden, dann wird einige Tage ein großer Kran an der Kirche aufgebaut – aber erst, sobald die Turmfalkenbabies flügge geworden sind und sich nicht fürchten müssen!

Der Arbeitsplatz der Türmerin: Eine kleine Dienststube im Kirchturm

In ca. 75m Höhe – genau dort, wo die schöne Spitze des neogotischen Turms der St. Lambertikirche beginnt, ist innen ein kleines Zimmer. Dies ist meine Dienststube!

Turmstube - das "Büro" der Türmerin

Turmstube auf dem Lambertus-Turm zu Münster

Ein Kuriosum unter vielen ist, dass dieses Zimmer der Stadt Münster zur Verfügung gestellt ist, während das „Treppenhaus“ (298 Stufen plus 2 Stufen bis zur Türmertür!) der Kirche zugehörig ist. Und schon immer tutet der Türmer von hier aus im Auftrag der Stadt (Post für die Türmerin also bitte nicht ans Pfarrbüro, sondern an Münster Marketing adressieren, siehe Impressum / Kontaktformular).

Von einigen meiner Vorgänger sind kleinere und größere Vergehen bekannt und verzeichnet. Ein Beispiel, was sich hier abgespielt haben mag:.

Unrat vom Kirchendach werfen und Orgien feiern – so etwas ist natürlich immer schon verboten und strafbar. So manch ein Türmer hat sich jedoch nicht an die Verbote gehalten und deshalb saftige Strafen zahlen müssen, oder wurde gleich vom Dienst suspendiert. Genau wie heute war es auch noch nie gestattet, fremde Personen unangemeldet mit ins Turmzimmer zu nehmen – die einzigen Menschen, die hier oben mit mir sein dürfen, sind akkreditierte Journalisten und Medienvertreter sowie geladene Gäste des Oberbürgermeisters, oder Gäste der Kirchengemeinde, die dann entsprechend mit dem Kirchenvorstand hierherkommen. Für die Öffentlichkeit ist der Aufstieg aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht gestattet – und warum das so ist, lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man weiß, wie eng und gefährlich das Turminnere ist:

Das Turminnere

Der enge Turmaufgang

Dass manche Türmer lange Zeit vor mir scheinbar kein Unrechtsbewusstsein hatten, muss man näher beleuchten. Das Amt des Türmers galt im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als „unehrlich“ – das bedeutet, ein Türmer wurde gesellschaftlich genauso verachtet wie z.B. auch Henker, Kesselflicker, Totengräber oder das sogenannte fahrende Volk (siehe Anmerkung 1).

Jemand, der außerhalb der angesehenen Stände lebte, hatte im Mittelalter und oft noch Jahrhunderte später keine Möglichkeit, jemals aus der ihm angestammten (gottgebenen) Rolle auszubrechen, sogar als die sogenannte „Ständegesellschaft“ langsam zum Auslaufmodell wurde und die aufblühenden Städte immer neue Möglichkeiten boten.

Und da nun also immer geächtete Menschen die unbeliebten Berufe ausführen mussten, die sowieso keine Chancen hatten im Leben, mögen dies auch oft Menschen gewesen sein, die sich an keine Regeln einer Gesellschaft hielten, der sie sowieso nicht angehörten.

Das Zimmer, in dem ich nun wirke – und mich selbstverständlich an alle Regeln halte, die für Angestellte der Stadt im Öffentlichen Dienst nun mal gelten, außerdem habe ich gehört, die Ständegesellschaft gelte als abgeschafft..! 😉 – mein „Büro“ also, das existiert in der heutigen Form noch nicht lange. Es ist jedenfalls nicht das „Original-Türmerzimmer“ aus dem späten 14. Jahrhundert, wo ein Türmer von St. Lamberti das erste Mal urkundlich erwähnt worden ist (siehe Anmerkung 2).

Das liegt daran, dass der erste Turm zum Ende des 19. Jahrhunderts, „der mit jedem Neubau des Kirchenschiffs erhöht worden war (…), unter dessen Gewicht indes das Fundament nachgab, abgetragen und durch einen neuen Turm (…) ersetzt werden“ musste (siehe Anmerkung 3).

Zum neuen Turm und den äußerst interessanten Hintergründen folgt ebenfalls ein Beitrag.

—

Anmerkung 1: Die „unehrlichen“, also ehrlosen, Stände variierten von Region zu Region.
Anmerkung 2: Der Stadtarchivar Joseph Prinz vermutete, die erste schriftliche Erwähnung sei 1383 erfolgt. Die Urkunde, die Prinz als Beleg anführt, ist im ehemaligen Staatsarchiv Münster, heute Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen (Alter DomUrk. Nr. 65) überliefert.
Anmerkung 3: Zitiert nach dem Informationsheft der Pfarrgemeinde „St. Lamberti Münster“, geschrieben von Dr. Klaus Gruna, ergänzt in der 7. Auflage durch den Pfarrer von St. Lamberti, Verlag Schnell+Steiner Regensburg , S. 6f.

Türmerin (Text von Jule Balandat)

Am 06.03.2014 gaben die legendären Zucchini Sistaz ein Konzert zum Auftakt des Internationalen Frauentages im hiesigen Stadtweinhaus (Veranstalterin: Frauenbüro der Stadt Münster). Als Überraschungsgästin kam am Ende die Türmerin hinzu und spielte Mandoline (Achtung Kalauer: „Fraudoline“ …). Vorher gaben die Zucchinis ein neues Liedgut zum Besten, das den Titel „Türmerin“ trägt – der Text ist von der unvergleichlichen Jule Balandat (Kontrabass und Gesang) eigens für Münsters Türmerin gedichtet worden und darf auf diesem Blog auf keinen Fall fehlen:

Türmerin (by Jule Balandat) – as sung by Zucchini Sistaz 2014

Wer sieht, was wo geschieht
Wem entgeht rein gar nichts in Münster
Weil das ne Menge Jahre in diesem Städtchen gewünscht war
Wacht zur Nacht, beschützt uns, funkt Herrn Sandmann
am Abend zur Schicht an

Wer wirkt 300 Stufen über den Köpfen
Erhoben, ein wachsames Amt, vor der letzten Halte
ganz oben.
Wer tutet so spät durch Wind und Nächte
voll Regen und Regen rege
allein von Bertis Dach:

Neuerdings ist unser Türmer, Türmer, Türmer, Türmerin
ehrenwertes Amt der Türmer, Türmer und jetzt Türmerin
tutet nördlich, westlich, südlich
meldet Unheil unverzüglich

Wir singen von der Türmer, Türmer, Türmer, Türmer, Türmerin
mit ihrer Karriere ist sie wahre Gipfelstürmerin
trotzt dem Wetter unermüdlich
das ist uns’re
Türmer, Türmer, Türmer, Türmer, Türmer, Türmer, Türmer Tümerin

Früher war der Türmer, Türmer, Türmer niemals Türmerin
wie mag es wohl der Türmer, Türmer, Türmer, Türmerin ergeh’n
jede Nacht, jede halbe Stunde
verkündet sie mit dem Signal, dass wieder mal kein Feuer
ausbrach, oder Unmoral.

Im Türmerzimmer steht gegen Einsamkeit ein Rundfunkempfangsgerät
und wenn sie’s im Mondenschein dort oben allein aufdreht
weiß sie wieder, wer ihr grün is
summt die Lieder der Zucchinis –

Die singen: Türmer-Türmer-Türmerin–Türmer-Türmer-Türmerin
und liegt ganz Münster schon im Bett drin
wird das Triplett
Geheim-Quartett
mit Türmer-Türmer-i-i-in.

Neuere Beiträge »