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Wupp! Ohne Füße – Ein seltsamer Gast auf dem Turm

Es ist ein schöner sommeriger Abend im Juli. Ich bin fröhlich zur abendlichen Schicht auf dem Turme erschienen und tute das erste Friedenssignal mit dem kupfernen Horn. Da sehe ich vor mir auf dem Boden etwas kreuchen und sich gegen das äußere Mauerwerk drängen. Ein kleiner Vogel! 

Ist das ein junger Wanderfalke oder Turmfalke? Er ist sehr klein und schlank, aber er hat schon voll ausgebildetes Gefieder, braunscheckig. Und sein Köpfchen ist ganz rund mit einem süßen Schnäbelchen und großen Äuglein, die mich verschreckt anblinzeln. 


Warum fliegt das Vögelchen nicht davon? Es lässt zu, dass ich es fotografiere (selbstverständlich hab ich vorher gefragt, ich kenne doch die DSGVO!). Aber es bleibt dort, und es wirkt, als habe es gar keine Füße.

Ich bin verunsichert. Wenn das Vögelchen verletzt ist und meine Hilfe braucht, was kann ich tun? Ich beschließe, erst einmal darum herum zu gehen, ganz vorsichtig, um es nach Einsetzen der Dunkelheit nicht aus Versehen zu treten, meine Taschenlampe immer dabei.

Zusätzlich frage ich telefonisch bei der Feuerwehr nach, ob es zufällig einen Ornithologen bei der Einsatzleitung gebe – leider nein, war die Auskunft; aber die Vogelstation in den Rieselfeldern, das Tierheim und das NABU-Team könnte ich kontaktieren.

Gesägt, tun getan.

Telefonisch ist niemand mehr erreichbar, aber ich spreche meine Sorge auf Bänder und verschicke E-Mails mit angehängtem Foto. 

Auch meine Schwester wird per Messenger befragt, sie ist Tierärztin und rät mir auch dazu, vor Ort die Vogelhilfe zu kontaktieren.

Ich bekomme Antwort vom NABU – es handle sich wahrscheinlich um einen jungen Mauersegler, der nicht mehr von den Eltern versorgt würde. Wenn ich ihn am nächsten Abend noch vorfinde, solle ich jemanden anrufen, der als Kontaktperson in der Mail genannt wurde. 

Kneipen-Quiz-Wissen to go:
Apus m [von latein. apus, griech. apous = Mauersegler,

und weiter von griech. apous = ohne Füße],
Gattung der Segler.

Ich recherchiere ein bisschen weiter über diesen Mauersegler, von dem die Rede ist, und finde: Den Vogel Wupp.

„…Wer nun das Konversationslexikon aufschlägt und den Vogel Wupp sucht, der findet ihn nicht; er findet ihn auch nicht im Friedrich oder im neuen Naumann oder in irgend einem anderen Vogelbuche. Denn den Namen habe ich dem Vogel angehängt. Die Vogelforscher nennen ihn Cypselus apus oder Apus apus und im Deutschen heißt er Turmschwalbe oder Mauersegler. Ich aber nenne ihn den Vogel Wupp. Denn wupp ist er da, und wupp ist er fort. Eben ist er oben über dem Kirchturm, gleich darauf wer weiß wo. Sein ganzes Leben steht unter dem Wahlspruche: Wupp. Wupp Himmel, wupp Erde. Wupp hier, wupp da. Wupp Afrika, wupp Deutschland, oder umgekehrt; aber immer wupp und nichts als wupp. Er ist ein ganz moderner Vogel; er hat nie Zeit. Nicht fünf Minuten kann er ruhig sitzen. Von rechtswegen müßte er aus Amerika stammen, aus Neu-York oder Schikago, wo das Leben des Menschen auch im Tempo Wupp geht. (…)
Er müßte der Wappenvogel der Leute von Wallstreet sein, von den Wuppwuppmenschen der New-Yorker Börse. Wupp Telephon, wupp Auto, wupp Börse, wupp Bar, wupp Telegraphenamt, wupp Kontor, wupp Hochzeit, wupp Scheidung, wupp Herzschlag. So ist sein Leben auch.
Man braucht ihm nur fünf Minuten zuzusehen, und schon hat man Nerven. Wupp Stadt, wupp Land, wupp Wiese, wupp Wald, futsch ist er. Aber wo? Zehn Meilen weiter, irgendwo da unten in der Heide oder da oben in den Bergen, wo er ein Geschäft vor hat. Im nächsten Augenblick ist er wieder da, kreischend, schreiend ohne Manieren, ohne Formen, rüpelhaft, ungezogen, immer mit seinesgleichen zusammen, immer in Zank und Streit, der richtige Jobber.“

Quelle: Hermann Löns, Der Vogel Wupp. In: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch. S. 64-70. Sponholtz Verlag, Hannover 1911.

Das passt ja phänomenal: Denn als ich am nächsten Abend wieder zur Turmschicht erscheine und alles absuche, ist der Vogel Wupp fort. Wupp!

Ich bin optimistisch
und wünsche dem kleinen Mauersegler,
dass er sich erholt hat
und sein Leben wuppt!

Eure Türmerin von Münster.

Das Tuten in den Zeiten der Corona

In Münster ertönen auch in diesen widrigen Zeiten die Friedenssignale mit dem Horn von St. Lamberti über die Stadt.

#DasTutenInDenZeitenDerCorona

Und auch in anderen Orten werden die alten Rituale weiter gepflegt.
Eigentlich wollte die Türmerin von Lübben am letzten Wochenende nach Münster kommen – aber in den Zeiten des neuen Coronavirus ist das Reisen zum Vergnügen nicht mehr zu empfehlen…

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Das Signal. In Zeiten von Frieden und Gefahr.

Oft werde ich nach dem Signal gefragt, was ich der langen Tradition der Türmer vor mir folgend vom Turm der St. Lambertikirche zu Münster mit dem langen Kupferhorn von mir gebe. In einem früheren Artikel habe ich es „die hohe Kunst des Tutens“ genannt, an dieser Stelle möchte ich es noch einmal genauer beleuchten.

Übrigens: Auch in der letzten Nacht des Jahres wird traditionell getutet, auch um Mitternacht, wenn die meisten anderen Menschen mit der Böllerei beschäftigt sind.
Silvester auf dem Turm sieht so aus: Die engsten Freund*innen und liebsten Verwandten sind zu Gast – ausnahmsweise an diesem Ausnahmetag! – und schauen mir beim Tuten zu. Nach dem Mitternachts-Tuten singen alle Auld lang syne, auch bekannt als „Nehmt Abschied, Brüder“, das im Gedenken an die Verstorbenen und allgemein als Abschiedslied gesungen wird. Die globale Pfadfinderbewegung singt es auch am Ende von Veranstaltungen.

Im Jahr 2019 fällt der Silvesterabend auf einen Dienstag – und der Dienstag ist der einzige freie Tag der Türmerin… keine Turmparty also! Aber euch wünsche ich schon mal einen GUTEN RUTSCH! 🙂

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Großdemo, Restaurant-News, Türmer-Eid und echter münsterscher Hansegeist!

Am 20. September 2019 haben in Münster über 20.000 Menschen für den Klimaschutz demonstriert. Gleichzeitig war PARK(ing) Day. Diese vielen friedlichen Aktiven wären bestimmt ein toller Anblick vom Turm der Lambertikirche aus gewesen – allerdings fand die Großdemo natürlich außerhalb meiner Dienstzeit statt, damit ich als Privatperson und Musikerin (Klick!) mitten drin sein konnte!
Auf der Seite von Fridays for Future Münster kann man spektakuläre Drohnen-Aufnahmen (mit St. Lamberti!) sehen (Klick!).

Spektakuläre Ausblicke habt ihr jetzt auch vom Stadthaus 1 aus: Das Restaurant „1648“ (nach dem Westfälischen Friedensschluss) in den obersten Etagen ist fertiggestellt (Klick!)! Nicht ganz auf Augenhöhe mit der Türmerstube, aber wirklich wunderschön. Und leckerste Grotemeyer-Kuchen und -Torten gibt es auch, hier lebt das Traditions-Café nämlich weiter, denn das Original auf der Salzstraße schließt leider seine Pforten (Hans im Glück mietet nun auch den oberen Teil).

Soviel zu den aktuellen Entwicklungen in Münster – und nun habe ich eine äußerst nette historische Geschichte für euch:

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