Jetzt nahen wieder diese alljährlichen besonderen Gedenk-Tage am Ende des Kirchenjahres, und ich nutze diese Zeit traditionell sehr gerne mit Spazier- und Entdeckungsgängen auf Friedhöfe, die ja laut Stadtplanung als Naherholungsgebiete gelten. Diese Gedenktage meine ich:
Am 65. Todestag der in Münster sehr verehrten Clemensschwester Maria Euthymia beginne ich diesen Text. Es soll ein Text über Gedanken und Erkenntnisse sein, nach der Anregung einiger meiner Leser:innen – nämlich Turm-Erkenntnisse. Und zwar hyperkonfessionell – wie das zum Todestag einer katholischen Ordensfrau passt, dazu komme ich gleich…
Gedenkfeier auf dem Turm der Lambertikirche, Quelle: YouTube
Am 8. Mai 2020 wurde in einer kleinen Gedenkfeier auf dem Lambertikirchturm an die Befreiung Deutschlands durch die Alliierten vor genau 75 Jahren erinnert.
Oft werde ich nach dem Signal gefragt, was ich der langen Tradition der Türmer vor mir folgend vom Turm der St. Lambertikirche zu Münster mit dem langen Kupferhorn von mir gebe. In einem früheren Artikel habe ich es „die hohe Kunst des Tutens“ genannt, an dieser Stelle möchte ich es noch einmal genauer beleuchten.
Übrigens: Auch in der letzten Nacht des Jahres wird traditionell getutet, auch um Mitternacht, wenn die meisten anderen Menschen mit der Böllerei beschäftigt sind. Silvester auf dem Turm sieht so aus: Die engsten Freund*innen und liebsten Verwandten sind zu Gast – ausnahmsweise an diesem Ausnahmetag! – und schauen mir beim Tuten zu. Nach dem Mitternachts-Tuten singen alle Auld lang syne, auch bekannt als „Nehmt Abschied, Brüder“, das im Gedenken an die Verstorbenen und allgemein als Abschiedslied gesungen wird. Die globale Pfadfinderbewegung singt es auch am Ende von Veranstaltungen.
Im Jahr 2019 fällt der Silvesterabend auf einen Dienstag – und der Dienstag ist der einzige freie Tag der Türmerin… keine Turmparty also!Aber euch wünsche ich schon mal einen GUTEN RUTSCH! 🙂
Das Horn, welches mir 2014 feierlich übergeben worden ist, wurde 1950 angefertigt. Die Gravur besagt:
Anstelle des im Weltkrieg 1939-45 vernichteten alten Türmerhorns aus dem 16. Jahrhdt. angefertigt zur Wiedereinführung des Türmers v. St. Lamberti am 6.12.1950 Werkstatt K. Schräge Werkschule Münster.
Diese Werkstatt existiert nicht mehr. Deshalb wurde das Horn auch zur Wartung in die fachkundigen Hände der Blechblasmusikinstrumentebauer Ott gegeben, als das Mundstück-Innenleben einmal schnarrte und hakte.
Nun begab es sich aber just, dass ich einen meiner raren Informationsvorträge hielt und dabei selbst eine höchst interessante Geschichte erfuhr.
Eingeladen war ich von den Landfrauen Sprakel in den Heimathof des Heimatvereins Sandrup – Sprakel – Coerde e.V. (gegründet 1938) – übrigens ein wunderschöner Ort, an dem Geschichte erlebbar gemacht wird!
Und dort begegnete ich einer Dame, die mir berichtete, sie habe 1950 als Kind in das neu angefertigte Türmerhorn getutet, und zwar auf ihrem Bauernhof.
Was machte denn das Türmerhorn auf dem Bauernhof? fragte ich ungläubig.
Dort sei eine Flüchtlingsfamilie einquartiert gewesen, und der Sohn habe damals eine Lehre gemacht bei der Werkschule, als Blechblasinstrumentenmacher. Da gab es dann die Aufgabe, ein neues Horn anzufertigen für den Türmer von St. Lamberti, der 1950 als einer der ersten städtischen Angestellten überhaupt wieder im Dienst war, als Zeichen und Symbol, dass es weitergeht in Münster, auch wenn alles in Trümmern liegt.
Der Kollege auf dem Turm damals hieß Karl Greuling – ich habe über ihn berichtet, er schrieb Gedichte und vertonte sie auf seiner Zither (Klick).
Und der Lehrling, der das neue Türmerhorn einfach mal nach Hause mitnahm und alle Kinder auf dem Bauernhof hineintuten ließ, hieß Christian Scholz. Dessen Familie sei nach Australien ausgewandert, wusste meine Informantin im Heimathof am Max-Klemens-Kanal. Und Christian Scholz habe später eine eigene Werkstatt aufgemacht. Wenn ich es richtig behalten habe, im Sauerland.
Aufruf:
Wenn jemand hier mitliest, der den Kontakt herstellen kann zu Christian Scholz oder seinen Angehörigen oder anderen ehemaligen Lehrlingen und Mitarbeitern der Werkschule, die das neue Türmerhorn erschaffen haben, so wäre ich sehr erfreut über eine Nachricht!
Fazit: Unverhoffte Mosaikteilchen der Türmergeschichte in Münster sind immer herzlich willkommen, ich staune immer wieder über neue Erkenntnisse und freue mich darüber! Das ist Historytainment pur!