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Bescherung für den Mü-po-Po

Ho, ho, ho! So kurz vor Heiligabend schenke ich euch noch ein Stückchen Erinnerungskultur. Auf dass ihr inmitten des jahres-endlichen Trubels ein paar besinnliche Momente mit schönem Historytainment verbringen möget!

Zum 1. Advent im Jahre 2025 war die Andreasnacht Thema (Klick!), zum 2. Advent ging es um Adventskalender (Klick!) und zum dritten Advent blickten wir vom Lambertikirchturm trällernd über die Wallhecken bis nach Gütersloh (Klick!). Und heute reisen wir gedanklich zurück bis in die 1950er und 1960er Jahre und verlangsamen allmählich das Tempo …

Am Prinzipalmarkt, dessen Name uns daran erinnert, dass sich hier das Handelszentrum befunden hat, wurde nach der Zerstörung des II. Weltkrieges sehr fleißig gebaut:

(SW-Foto: Panzer und Britische Soldaten vor St. Lamberti)
(Foto: Panzer und Britische Soldaten vor St. Lamberti)
The British Army in North-west Europe 1944-45 A Churchill tank crew and US Airborne troops in Mu[e]nster, 4 April 1945. By Hewitt (Sgt), No 5 Army Film & Photographic Unit.
This photograph BU 2931 comes from the collections of the Imperial War Museums., Public Domain

Die Giebelhäuser – nur mehr Schutt und Trümmer – wurden in der Höhe angeglichen, in der Formensprache vereinfacht, aber: sie wurden wieder aufgebaut, am selben Ort. Damals absolut nicht selbstverständlich, aber aus unserer zeitgenössischen Perspektive eine sehr kluge Entscheidung, die Münster viel wohlwollende bis begeisterte Gäste beschert, und die Bürgerinnen und Bürger höre ich sagen: Ich wohne dort, wo andere Urlaub machen (ja, ich selber sage das auch). Und wer hat damals vom Lambertikirchturm aus zugeschaut, wie die Trümmer abtransportiert und die Giebelhäuser wieder aufgebaut worden sind? Karl, der Türmer! (Klick!)

Die Elektrische und der MIV

Seit 1901 fuhren in Münster elektrische Eisenbahnen, die den Pferde-Omnibus ersetzten. Wegen der großen Gefahr und der Zerstörung des Elektrizitätswerks wurde 1944 der Betrieb eingestellt. Ab 1946 fuhr die Elektrische wieder – aber 1954 folgte man den Empfehlungen der Verkehrsexperten und schaffte die Bahnen ab. Schade! Unter dem Aspekt der Verkehrswende gibt es neue Überlegungen, in Münster wieder eine Straßenbahn einzusetzen – interessant: Das Bündnis Straßenbahn, Klick!

Im Stadtmuseum kann man einiges aus der Zeit sehen, Fotos und ein Modell.

(Foto: Postkarte coloriert mit grünem Triebwagen der Straßenbahn auf dem Prinzipalmarkt vor St. Lamberti)
Postkarte des Prinzipalmarkt von Münster Westfalen, mit Olivefarbenen Straßenbahn Triebwagen der Stadtwerke Münster, 1919. Quelle: Wikipedia, Klick!

Jetzt fuhr also verstärkt der motorisierte Individualverkehr (MIV) über das Pflaster des Prinzipalmarkts. Natürlich auch in der Adventszeit, wo es nach den Entbehrungen des Krieges wieder hieß: Shoppen, shoppen, shoppen, was hineinpasst in den Volkswagen!

Verkehrspolizisten auf dem Prinzipalmarkt

Dann schoben sich über das Kopfsteinpflaster die PKWs, die Unfallstatistik dieser Jahre zeigt einige fiese Ausschläge, und so war es sehr sinnvoll, Verkehrspolizisten einzusetzen, um die Blechmassen besser zu steuern.

Weil die Münsteranerinnen und Münsteraner von Anbeginn der Zeit auch sehr herzliche Menschen sind, gab es für die Verkehrspolizisten in den Vormittagsstunden des Heiligen Abends lauter kleine Geschenke, die durch die heruntergekurbelten Scheiben gereicht worden sind. Das ist nicht nur anekdotisch-persönlich, mündlich und schriftlich belegt, es gibt sogar Fotos von dieser besonderen Bescherung:

Auf den Fotografien sind Bierkisten, Weinflaschen, Süßigkeiten usw. zu erkennen. Allem Anschein nach gut gelaunt, mit einnehmendem Lächeln regelt der Bescherte den Verkehr, während sich neben ihm Geschenke türmen. Gesäumt wird die Szenerie von zahlreichen Passantinnen und Passanten, die darauf warten, die Straße überqueren zu dürfen – dabei aber amüsiert und interessiert ein Schauspiel beobachten.
Verkehrspolizist 1958, Quelle: Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, Foto: A. Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.69774
Auf den Fotografien sind Bierkisten, Weinflaschen, Süßigkeiten usw. zu erkennen. Allem Anschein nach gut gelaunt, mit einnehmendem Lächeln regelt der Bescherte den Verkehr, während sich neben ihm Geschenke türmen. Gesäumt wird die Szenerie von zahlreichen Passantinnen und Passanten, die darauf warten, die Straße überqueren zu dürfen – dabei aber amüsiert und interessiert ein Schauspiel beobachten.
Verkehrspolizist 1958, Quelle: Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, Foto: A. Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.69778
Auf den Fotografien sind Bierkisten, Weinflaschen, Süßigkeiten usw. zu erkennen. Allem Anschein nach gut gelaunt, mit einnehmendem Lächeln regelt der Bescherte den Verkehr, während sich neben ihm Geschenke türmen. Gesäumt wird die Szenerie von zahlreichen Passantinnen und Passanten, die darauf warten, die Straße überqueren zu dürfen – dabei aber amüsiert und interessiert ein Schauspiel beobachten.
Karl-Heinz Gieseler 1968. Quelle: Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, Foto: E. Obermeyer, Archiv für Alltagskultur, Sign. 2009.00223

Bescherung und ein guter Zweck

Wein, Bier, Zigarettenschachteln, Süßigkeiten – all das, was Dankbarkeit ausdrücken sollte, sammelte sich an, und herum um die Kollegen, die bei Wind und Wetter ihren Dienst versahen – genau wie die Türmer!

Anders als zum Beispiel der Gästeführer oder der Kutscher bekamen Polizisten und Türmer normalerweise kein Trinkgeld in die Hand gedrückt – und als Beamte oder städtische Bedienstete durften sie auch normalerweise keine Geschenke annehmen. Bestechlichkeit, Vorteilsannahme, dies das, ihr wisst schon…

Diese Geschenke und Weihnachtsgaben für die beliebten Verkehrspolizisten in der Innenstadt wurden aber weitergegeben, an Altenheime, Hilfen für Wohnungslose, soziale Einrichtungen!

Dieser Brauch ist auch beispielsweise in der Stadt Hagen verzeichnet. (Liest jemand aus Hagen hier mit? In welcher Stadt gab es diese Präsente noch? Ich freue mich über eure Rückmeldungen!)

Mü-po-Po

In Münster weiß man von mindestens zwei besonders beliebten Verkehrspolizistens, mit Namen Josef Gerke (seit Mitte 1948 an der Kreuzung Warendorfer Straße/Hohenzollernring) und Karl-Heinz Gieseler (am Prinzipalmarkt).

Eigentlich sollten ja nicht allzu persönliche Beziehungen aufgebaut werden zwischen Bürgern und Wachtmeistern, die ja schließlich im Dienste der Öffentlichkeit arbeiteten, ähnlich wie auch Müllwerker oder Postboten. Die Grenzen sind jedoch verständlicherweise fließend, wenn man dem demselben Postboten oder eben Verkehrspolizisten öfter an gleicher Stelle begegnet, und dieser dann vielleicht noch einen besonderen Charakter besitzt.

So wird dieser eine bestimmte Wachtmeister Gerke oder Gieseler dann fröhlich gegrüßt und beschert – und diese Gesten sind heute ein wertvolles Stück Erinnerungskultur des alten Münsters, wenn Münsters populärster Polizist („Mü-po-Po“!) kleine Präsente empfängt!

Aus noch älteren Zeiten weiß man, dass ähnliche Geschenkrituale auch Nachtwächter und Hirten zugute kamen, die ihren sehr geringen Lohn mit weihnachtlichem Taschengeld aufbesserten und das sonstige Jahr eben mit keinem Trinkgeld rechnen konnten.

Dass der Mü-po-Po ausdrücklich kein Geld sondern physische Präsente bekam, und dass bekannt war, dass er diese an Bedürftige weitergeben würde, macht deutlich, dass es sich hier um ein besonderes Phänomen handelt – er war Person des öffentlichen Lebens und Projektion eines Vertreters der guten alten Zeit, die weitaus weniger trubelig war als wir es heute erleben.

Zurück im Hier und Heute

Heute fahren nur mehr Busse, Rikschas, Leezen, Kutschen mit sichtbaren und unsichtbaren Pferden, E-Roller und Lieferwagen über das Kopfsteinpflaster. Verkehrspolizisten sind keine mehr im Einsatz. Über Geschenke – gerade zur Weihnachtszeit freuen sich aber nach wie vor die sozialen Einrichtungen; auf deren Homepages könnt ihr oft aktuelle Bedarfe nachlesen.

Lasst uns also gemeinsam an die Zeit der Mü-po-Po denken und – falls es euch möglich ist! – etwas abgeben als Zeichen der Nächstenliebe, die sehr gut auch ökumenisch oder universell gefärbt sein kann.


Weiterführendes:

Bescherung vor aller Augen. Die Münsteraner und „ihre“ Verkehrspolizisten, 15.12.2023, Timo Luks, https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/muensteraner-und-ihre-verkehrspolizisten/ (Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen)


Spendenmöglichkeiten:

Kleiner Auszug von lokalen sozialen Einrichtungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mit Direkt-Links:

1 Kommentar

  1. Eike

    Super schöner historischer Einblick in das Gewusel von Münster. Vielleicht kann man ja auch mal den Straßenbahnfahrer*innen, sofern der Wohnort über welche verfügt, ein kleines Present vor den Führerstand legen.

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