direkt vom turm gebloggt

Schlagwort: Turm (Seite 28 von 33)

Erst der Blick, dann der Schritt über die eigene Hecke…

Ein Freund von mir prägte den schönen bildstarken Begriff der „Heckenkultur“. Viele Menschen, auch durchaus kultur- und gesellschaftsinteressierte Exemplare, haben oft lediglich einen eingeschränkten Blickwinkel – und selbst ewig lang in Münster wohnende Menschen kennen manchmal gar nicht andere, ebenfalls ewig lang in Münster wohnende Menschen, die verblüffenderweise auf ganz ähnlichen Gebieten tätig sind… Da bedarf es ab und an eines Turmes, von dem aus der Blick über den eigenen Heckenrand leichter fällt und der idealerweise die verschiedenen/ähnlichen Heckenkulturen miteinander in Kontakt bringt!

Ich fasse in diesem Artikel verschiedene (längst nicht alle) Blicke der letzten Zeit über den Heckenrand zusammen und habe auch in einigen Punkten sogar mehr als einen Blick gewagt, nämlich einen Schritt…
Weiterlesen

Helau vom Turme!

Wenn man einen neuen Artikel für dieses Blog schreiben möchte, steht in dem dafür vorgesehen Fenster in kursiver Schrift zu Beginn:

Was beschäftigt dich?

Nun – heute beschäftigt mich aus aktuellem Anlass die Frage, wie wohl Türmer von St. Lamberti in früheren Zeiten das bunte Treiben dort unten in den Straßen und Plätzen der Stadt Münster wahrgenommen haben mögen.

Waren die Türmer, wenn sie nicht Dienst hatten, Teil des Geschehens oder standen sie abseits?

Und wenn sie oben standen, wo jetzt ich stehe, und ihre Mitmenschen bunt kostümiert und feiernd beobachteten, was dachten sie wohl?

Carne vale – lebe wohl, Fleisch! Doch vor dem Fasten kommt das Feiern!

Der ursprüngliche Sinn und Zweck, einmal straf- und folgenlos gegen die Oberen aufzubegehren, legal spotten zu können und mit hintersinnigem Witz auf Missstände aufmerksam zu machen, ist auch heute noch klar erkennbar, wenn von „Ausnahmetagen“ die Rede ist, wenn die Bürgermeister den Schlüssel zum Rathaus „abgeben“ müssen, wenn die Umzugswagen am Rosenmontag aktuelle soziale und politische Situationen aufgreifen usw.

Die Preußen waren es, die den exzessiven ausufernden öffentlichen Gelagen eine gewisse Struktur gaben, indem sie den Rosenmontagsumzug „erfanden“, ein Wagen hübsch hinter dem anderen.

Hinter den Festivitäten und fröhlichen Feiern der jeweiligen Session stecken immer auch unzählige helfende Hände, hinter den Kulissen wird viel ehrenamtlich organisiert, gemacht und getan – jede Karnevalsgesellschaft hat ihre persönliche Tradition und Erfahrungswerte. Es wird geübt: Tanzen, Musizieren, Abläufe…

Matthias Welp fasst zusammen:

„Insgesamt gesehen wirkt der Karneval auf die kollektive Identität der Münsteraner, also innengerichtet.“ (siehe: „Die Westfalen und Karneval“ auf der Homepage des BMK – Bürgerausschuss münsterscher Karneval)

Das Gemeinschaftsgefühl ist wesentlich und sehr positiv.

Negativ beschrieben wird wie bei allen Großveranstaltungen der Alkoholkonsum bzw. seine Nebeneffekte – aber dies ist ja kein Phänomen, was dem Karneval an sich anzulasten wäre.

Was sowohl beim Straßenkarneval als auch bei den Sitzungen deutlich wird: Hier sind wahre Auskenner*innen, Bescheidwisser*innen und Brauchtumspfleger*innen am Werke, mit viel Spaß, teils harter Organisationsarbeit und der Überzeugung, dass auch der angeblich so „sture Westfale“ ein echter Karnevalist sein kann.

Natürlich sieht etwa der Kölner das wahrscheinlich völlig anders – aus der Turm-Perspektive aber sage ich: Jedem Tierchen sein Pläsierchen, bunter Frohsinn hat noch niemandem geschadet, dort so – und hier eben so. Und ist es nicht wahrlich faszinierend, wenn erwachsene Menschen so eine bannige Freude daran haben, sich zu kostümieren, zu singen und bestimmten tradierten Ritualen des Feierns zu folgen?

Ich bleibe mir selbst treu und gehe als: Türmerin! Tagsüber gesellig, abends eremitisch – in diesem Sinne: Ein fröhliches HELAU! vom Turme 😉

Kleine Frühgeschichte münsterscher Stadtansichten

Kleine Frühgeschichte münsterscher Stadtansichten

Der münsterische Stadtkern hat nach den katastrophalen Schäden durch die Bomben im II. Weltkrieg eine weitere Wandlung durchgemacht, und dabei hat sich das Baugefüge so stark verändert wie nie zuvor. Das für mich als zugezogene und lange nach dem Krieg geborene Einwohnerin Münsters besonders Bemerkenswerte daran: Das innere Stadtgebiet macht den Eindruck eines wahrlich historisch gewachsenen Gefüges!

Weiterlesen

Turmstubenbücher Februar 2015

Im kürzesten Monat des Jahres ziehen diese Werke in die Turmstuben-Bücherei ein:

Eckhard Bernstein: „Hans Sachs. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1993.

Heinrich Heine: „Memoiren und Geständnisse“. Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich 1997.

Weiterlesen

Die Welt – vom Turme aus gesehen

Die Welt und ihr Gefüge sehen dieser Tage recht durcheinander aus. Die Nachrichten von Kriegen, Not und Elend erreichen auch die eigenen, kleinen, heilen Welten. Vom Turme aus betrachtet gewinnt man eine andere Perspektive, Gedanken und Ideen kommen auf, die es dort unten inmitten der Geschehnisse wohl so nicht geben würde. Dieses besondere Gefühl beschreibt Georg Thurmair 1938 recht treffend in seinen Versen „Türmers Nachtgesang„, die so beginnen:

Ich hab die Welt verlassen und stehe auf dem Turm,
ich kann die Sterne fassen und sprechen mit dem Sturm.
Ich banne die Gespenster und lebe fern dem Spott,
der Wind pocht an mein Fenster und spricht vom lieben Gott. (…)

(Nicht nur) vom Turme aus gesehen sind auch die Geschehnisse, Ereignisse, Aktionen und Reaktionen in Münster immer wieder recht bemerkenswert:

Am 30.1.2015 stehen zwei Veranstaltungen an prominenter Stelle:

1. Die Demonstration „Bunt statt Braun“

und

2. Das Kramermahl.

Diese Dinge haben nicht nur gemeinsam, dass u. a.  Oberbürgermeister Lewe erst hier, dann dort mit seiner Präsenz ein Zeichen setzt, sondern noch mehr Assoziatives fällt einem aus Turmperspektive auf:

In dieser Stadt sind Toleranz, Frieden und Freiheit nicht bloß Schlagwörter, sondern gelebtes Motto. Münster ist sich der Historie (Westfälischer Friede!) sehr bewusst, und nutzt die Lehren aus der Vergangenheit trefflich für die aktive Gestaltung der Zukunft in der jeweiligen Gegenwart. Das Kramermahl – ein feierliches Mahl, das an die Gilden der Kaufleute erinnert – ist ein solches deutliches Signal der Verbindung alter Werte mit modernen Initiativen. Es hat seinen Ursprung in der Gründung des Vereins der Kaufmannschaft und der Errichtung des Krameramtshauses 1589 – in ebenjenem Hause residierten die niederländischen Gesandten während der Verhandlungen, die schließlich zur Unabhängigkeit der Niederlande führen sollten.

Weiterhin sei daran erinnert, dass auf engagiertes Betreiben der Kaufmannschaft nach dem 2. Weltkrieg z.B. der Prinzipalmarkt auf historischer Basis wieder aufgebaut worden ist – heute mit den Giebelhäusern DAS Wahrzeichen Münsters schlechthin. Die Kaufmannschaft setzt sich in unzähligen Bereichen auch heute für ihre Stadt ein und die o.g. Werte wie Toleranz, Frieden und Freiheit schwingen auch im Motto „Ehr ist Dwang gnog“ (Ehre ist Zwang genug) immer mit, wenn es um Weiterentwicklung und Attraktivitätssteigerung geht.

War der lange Weg zum Westfälischen Frieden ein Weg des Dialogs, so ist dieser Weg auch unserer Tage von großer Bedeutung. Es gilt, sich der Vergangenheit bewusst zu sein und sich nicht dem Dialog zu verweigern, sondern auch offen zu sein für die Veränderungen dieser turbulenten Zeit – damals wie heute sind Menschen auf der Flucht, benötigen Schutz und Hilfe, damals wie heute haben Menschen Zukunftsängste und rationale wie irrationale Sorgen, Geschichte scheint sich hie und da zu wiederholen; und an genau dieser Stelle ist es wichtig, Signale zu setzen gegen bloße rückwärtsgewandte und kurzsichtige Phrasendrescherei,  und sich im Großen wie im Kleinen, auf der Straße wie im Privaten, klar zu machen, wie gut es doch eigentlich ist, dass hierzulande in jüngster Vergangenheit eine Demokratie entstanden ist, in der Meinungsäußerungs-, Presse- und im Karneval außerdem Narrenfreiheit 😉 erlaubt und sogar erwünscht sind – womit wir wieder bei der Demonstrationsfreiheit und „Bunt statt Braun“ wären. Diese Demo hat sich Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Hier sind sie wieder, diese vielzitierten Werte.

Es wäre heut nicht wie es ist, wär es damals nicht gewesen wie es war. Geschichte ist, was wir daraus machen. Resignieren ist der falsche Weg. Man muss nicht alles gut finden, aber versuchen, darüber nachzudenken, sich auf gute Traditionen besinnen und sie mit neuen Impulsen verbinden, das ist ein möglicher Ausweg aus widrigen Zeiten.

 

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »