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Schlagwort: Feuerwehr (Seite 1 von 2)

Ich seh den Tag sich neigen, die Erde atmet aus…

… die Stadt hüllt sich in Schweigen, die Menschen gehen nach Haus.

(aus: Türmer’s Nachtgesang, Georg Thurmair, 1938)

So ein schöner Arbeitsplatz. Die Stadt- und Marktkirche St. Lamberti. Öffentlicher Dienst. Und dann dieser Ausblick. Traumhafte Sonnenuntergänge. Über den Dächern von Münster. Mittendrin. So friedlich in der Friedensstadt. Peace, love and harmony. Jeden Abend außer dienstags verbringe ich hier meine Zeit.

Aber…

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Wupp! Ohne Füße – Ein seltsamer Gast auf dem Turm

Es ist ein schöner sommeriger Abend im Juli. Ich bin fröhlich zur abendlichen Schicht auf dem Turme erschienen und tute das erste Friedenssignal mit dem kupfernen Horn. Da sehe ich vor mir auf dem Boden etwas kreuchen und sich gegen das äußere Mauerwerk drängen. Ein kleiner Vogel! 

Ist das ein junger Wanderfalke oder Turmfalke? Er ist sehr klein und schlank, aber er hat schon voll ausgebildetes Gefieder, braunscheckig. Und sein Köpfchen ist ganz rund mit einem süßen Schnäbelchen und großen Äuglein, die mich verschreckt anblinzeln. 


Warum fliegt das Vögelchen nicht davon? Es lässt zu, dass ich es fotografiere (selbstverständlich hab ich vorher gefragt, ich kenne doch die DSGVO!). Aber es bleibt dort, und es wirkt, als habe es gar keine Füße.

Ich bin verunsichert. Wenn das Vögelchen verletzt ist und meine Hilfe braucht, was kann ich tun? Ich beschließe, erst einmal darum herum zu gehen, ganz vorsichtig, um es nach Einsetzen der Dunkelheit nicht aus Versehen zu treten, meine Taschenlampe immer dabei.

Zusätzlich frage ich telefonisch bei der Feuerwehr nach, ob es zufällig einen Ornithologen bei der Einsatzleitung gebe – leider nein, war die Auskunft; aber die Vogelstation in den Rieselfeldern, das Tierheim und das NABU-Team könnte ich kontaktieren.

Gesägt, tun getan.

Telefonisch ist niemand mehr erreichbar, aber ich spreche meine Sorge auf Bänder und verschicke E-Mails mit angehängtem Foto. 

Auch meine Schwester wird per Messenger befragt, sie ist Tierärztin und rät mir auch dazu, vor Ort die Vogelhilfe zu kontaktieren.

Ich bekomme Antwort vom NABU – es handle sich wahrscheinlich um einen jungen Mauersegler, der nicht mehr von den Eltern versorgt würde. Wenn ich ihn am nächsten Abend noch vorfinde, solle ich jemanden anrufen, der als Kontaktperson in der Mail genannt wurde. 

Kneipen-Quiz-Wissen to go:
Apus m [von latein. apus, griech. apous = Mauersegler,

und weiter von griech. apous = ohne Füße],
Gattung der Segler.

Ich recherchiere ein bisschen weiter über diesen Mauersegler, von dem die Rede ist, und finde: Den Vogel Wupp.

„…Wer nun das Konversationslexikon aufschlägt und den Vogel Wupp sucht, der findet ihn nicht; er findet ihn auch nicht im Friedrich oder im neuen Naumann oder in irgend einem anderen Vogelbuche. Denn den Namen habe ich dem Vogel angehängt. Die Vogelforscher nennen ihn Cypselus apus oder Apus apus und im Deutschen heißt er Turmschwalbe oder Mauersegler. Ich aber nenne ihn den Vogel Wupp. Denn wupp ist er da, und wupp ist er fort. Eben ist er oben über dem Kirchturm, gleich darauf wer weiß wo. Sein ganzes Leben steht unter dem Wahlspruche: Wupp. Wupp Himmel, wupp Erde. Wupp hier, wupp da. Wupp Afrika, wupp Deutschland, oder umgekehrt; aber immer wupp und nichts als wupp. Er ist ein ganz moderner Vogel; er hat nie Zeit. Nicht fünf Minuten kann er ruhig sitzen. Von rechtswegen müßte er aus Amerika stammen, aus Neu-York oder Schikago, wo das Leben des Menschen auch im Tempo Wupp geht. (…)
Er müßte der Wappenvogel der Leute von Wallstreet sein, von den Wuppwuppmenschen der New-Yorker Börse. Wupp Telephon, wupp Auto, wupp Börse, wupp Bar, wupp Telegraphenamt, wupp Kontor, wupp Hochzeit, wupp Scheidung, wupp Herzschlag. So ist sein Leben auch.
Man braucht ihm nur fünf Minuten zuzusehen, und schon hat man Nerven. Wupp Stadt, wupp Land, wupp Wiese, wupp Wald, futsch ist er. Aber wo? Zehn Meilen weiter, irgendwo da unten in der Heide oder da oben in den Bergen, wo er ein Geschäft vor hat. Im nächsten Augenblick ist er wieder da, kreischend, schreiend ohne Manieren, ohne Formen, rüpelhaft, ungezogen, immer mit seinesgleichen zusammen, immer in Zank und Streit, der richtige Jobber.“

Quelle: Hermann Löns, Der Vogel Wupp. In: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch. S. 64-70. Sponholtz Verlag, Hannover 1911.

Das passt ja phänomenal: Denn als ich am nächsten Abend wieder zur Turmschicht erscheine und alles absuche, ist der Vogel Wupp fort. Wupp!

Ich bin optimistisch
und wünsche dem kleinen Mauersegler,
dass er sich erholt hat
und sein Leben wuppt!

Eure Türmerin von Münster.

Interessante Funde

Beim Recherchieren interessante Funde machen – das sind die kleinen Freuden einer städtischen Türmerin zu allen Zeiten, besonders aber in diesen unplanbaren Corona-Pandemie-Zeiten. Kleine Freuden halten einen im Leben, lassen einen optimistisch bleiben, n’est-ce pas?!

Gerade durchforste und sichte ich allerlei Bücher und Dokumente in der Turmstube. Ich stoße dabei auf Artikel und Meldungen aus vergangenen Zeiten, die mir Münster noch näher bringen. Alte Zeitungsbeiträge und Bücher etc. können uns so viel erzählen, was uns auch die heutige Stadt erklärt, ganz genau wie in der alten Hiphop-Weisheit meiner Jugend:

Es wäre heut‘ nicht wie es ist,
wär‘ es damals nicht gewesen wie es war!

Aus: „Schlüsselkind“, Cora E. (1997)
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Ein vergangenes romantisches Stück Altmünster…

… Und wer heute den Verkehr sieht, der über [diesen] Platz dahinflutet, der kann nicht anders als dem beistimmen, daß Münsters Drubbel leider als Opfer der werdenden Großstadt fallen musste.

Zitat aus: Peter Werland, Unser alter Drubbel. In: Das schöne Münster. 13. Jahrgang, Heft Nr. 8 / August 1941

Dieser Satz entstammt dem Jahr 1941. Der Autor Peter Werland hat vorweggenommen, dass der Verkehr tatsächlich immer mehr Raum beansprucht; in unseren Tagen fahren Automobile, Busse, Leezen, E-Scooter, Kutschen mit unsichtbaren Pferden, Kutschen mit sichtbaren Pferden, Rikschas, … um die peselnden Fußgänger*innen herum, sicherlich deutlich mehr als noch 1941. Und was hat es mit dem Drubbel auf sich?

Das schöne Münster. August 1941. Unser alter Drubbel. Peter Werland.
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