Heute möchte ich euch einen Text aus dem Jahr 1926 zeigen, den ich in einem Buch aus dem Antiquariat fand. Danke an dieser Stelle an meinen lieben Kollegen Matthias Putze und das Jos Fritz Antiquariat in der Aegidiistraße 58 – immer eine tolle Fundgrube!
Ich füge dem Text meine Anmerkungen hinzu und wünsche euch viel Freude mit sehr besonderen Wörtern und Ausdrücken wie „flammende Lohe“, „zerzischen“, „Kältegrimm“, „Negligentia und Saufaus“…



Gegen den roten Hahn
„Aus ferner Zeit dringt vom Turm der Lambertikirche der wachsame Ruf des Wächters. Halbestunde auf Halbestunde, Tag auf Tag. Jahrhundert auf Jahrhundert. Sorgsame Stadtväter schufen diese Wache. Feuer ist ein schlimmer Feind, und schlimmer noch und gieriger, als die Menschen noch in engbrüstigen Häuslein dicht aneinanderwohnten, als sie noch Hab und Gut in Holz und Lehm und Stroh bewahrten und als noch in schmalen Gäßlein, von Mauern streng umzogen, der Bürger Tag verlief. Unheildrohend lauerte da der rote Hahn* über dem Häusergewirr, und wenn einmal die flammende Lohe heraussprang aus einem armen Giebel, dann starrten all die kleinen Häusernachbarn ringsherum aus ihren Fensteraugen in die frohlockende Glut, dann erschauerten stolze Patrizierhäuser und erbebten in ohnmächtigem Warten.“
*In der Reformationszeit (vielleicht schon im Mittelalter) stand der Audruck "roter Hahn" für gefährliches Feuer, das die Häuser und Städte bedrohte. Jemandem den roten Hahn aufs Dach zu setzen heißt: Brandstiftung.
„Segen, wenn es dann früh vom bleigedeckten Turm herunterklang, warnender, drohender, schauriger Hornrufe „hulp, hulp!“ (=Hilfe! Hilfe!). Dann griffen sie zu, fieberhaft erschreckt, die kleinen Menschlein da unten. In rasendem Schatten flog der Eimer vom Brunnen durch die Menschenkette in die wachsende Glut. Schwach war nur die Wehr, aber schwach war auch erst der rote Feind. Und dankerfüllt und frohlockend atmete die geängstigte Bürgerschaft auf, wenn der letzte Eimer den letzten frechen Funken zerzischte. Und klingender Dank wurde dann auch dem wachsamen Wächter zuteil.“
Bevor es in Münster 1905 die Berufsfeuerwehr gab, waren vor allem die Bürger selbst zuständig für das Löschen von Bränden.
„Aber wehe, dreimal Wehe, wenn nicht das warnende Horn oder die drohende Glocke* ertönte; wenn es heimlich in Sparren und Balken flackerte, wenn unbemerkt die Glut sich ihren Raub verschaffte und dann plötzlich prasselnd und jauchzend ihr glühendes Haupt erhob.“
*Die Ratsglocke war zugleich Brandglocke, das Exemplar, was bis heute zur Verkündung der Vereidigung der Oberbürgermeisterperson angeschlagen wird, stammt aus dem Jahr 1594. Früher schlug der Türmer sie auch, wenn es in der Innenstadt brannte – und um Gewitter weg zu läuten!

„Dann Wehe den Häuslein, Wehe den Straßen! Übermütig springt die Flamme von Dach zu Dach, sie rast durch die Straßen und lacht der Tröpflein, wie der Riese über des Zwerges Wehr. In Trümmer sinken Straßenzüge, in Rot und Tod sinken Menschen und Vieh. Schwelende, rauchende Trümmer zeigen zuletzt noch frech und roh die Stätten des toten Glücks. Und Wehe dann dem Wächter, der den roten Tod stark werden ließ, ehe er zur schnellen Abwehr aufrief. Ängstlich wachte der Bürger darüber, daß das Stundenhorn erklang bei Tag und bei Nacht. Und ängstlich wachte darüber mit ihm ein wohlsorgsamer hoher Rat. O ja, da konnte man hart sein, mit strengen Strafen drohen und unerbittlich züchtigen, wenn durch Negligentia oder Saufaus oder gar durch Verlassen des Turmes das Horn bei Feuersnot nicht rechtzeitig rief. So schreibt die alte Eidesformel dem Wächter vor: ‚Ock so will ick de wake up den Thorne to sunte Lamberti des nachts wal waren un luden de glocke des avendes un all uhr blasen truwelike und doen de wake als mi dat gebort.‘
Dienstag, Ruhetag?
Und es gehört sich, daß ein Wächter nie seinen Turm verließ, bevor die Ablösung kam, daß er keine fremde Person bei sich dulde, damit nicht Unterhaltung oder schlimme Gelage die Wachsamkeit behinderten. Und als im Jahre 1598 der Turmwächter zur Zeit des Brandes am vergangenen Dienstag* nicht auf dem Turm gewesen, da erboste sich der Rat und beschloß, daß der Wächter ’soll gefencklik angehalten und mit wasser und broedt gespiset werden‘.“
*Das verträgt sich zwar nicht mit der alten Legende, dass an Dienstagen nie Brände ausbrechen und dienstags auch niemals Feinde zu sehen sind – Tatsächlich ist der Dienstag aber statistisch (also im Durchschnitt) gesehen der sicherste, ereignisloseste Tag, so dass schon seit geraumer Zeit an diesem einen Wochentage Türmer und Türmerin frei haben dürfen.
„Und 1686, als an ‚Overmanns ächter Hauß von menniglichen beklaget und in der statt verspüret worden, daß das Hauß verhero lengsten im vollen brandt gestanden, auß der nechsten Mauritz pforten ein trommelschläger in die Statt umb alarm zu machen geschickt, welcher inmittelß biß auffm Marckt kommen, ehe die Brandglocke gerührt worden, und uff solchen nachlessigen fall, wan nicht eben der windt die flamme auß der Statt geschlagen, die ganze nachbarschafft, sonderlich wan bey nacht solchiges Unglück komme, in die liechte flamme, ehe das volck bey gerueffen wirdt leichtlich gerathen könne,‘ – da bedeutet der erzürnte Rat dem zitierten Wächter: Wohl könne man ihn nun wegen seines Eidbruchs entlassen, aber man wolle einmal im Guten absehen von so strenger Strafe und es bei einer Buße von 6 Reichstalern belassen.
Nein, Wächter und Schützer der Stadt konnte nur sein, wer nie ermüdete in unablässiger Ausschau, wer von Stunde zu Stunde unbesorgt ihr Menschlein da unten, wohlbewahrt ist eure Sache.
Alarm und hulp, hulp!
Anders klang der Ruf, wenn Feuer drohte, anders, wenn sonstiges Leid seine Hand nach der turmreichen Stadt ausstreckte.“
Bis heute ist das Alarmsignal ein kurzes Staccato.

„Zur Zeit des 30jährigen Krieges, Anno 1635, wurde beschlossen und kundgetan, damit ein Unterschied der Zeichen in Zeit der Feuersnot und der Kriegs- und Friedensgefahr sei, daß dann der Tagwächter, wenn er ‚uff Lamberti thurn vermercken würde, daß etwa kriegsvolck vom feind etwan zu vorhabenden raub sich ansehen ließe, alßdann der thurnhüter das horn, der nachthüter brauchen und damit hulp, hulp! abblasen sollte.‘
Und ‚hulp, hulp!‘ hat es oft gerufen in der spitzgiebeligen Bischofsstadt. Von Feuer und Krieg wissen Münsters alte Bücher schrecklich zu erzählen. Ja, man hatte ihn wohl nötig, den einsamen Mann dort oben und man wachte über ihm und seinem Tun, wie er die Stadt bewachte. Und so schlang sich in Jahrhunderten ein starkes Band um den Wächter und die beschirmte Stadt mit ihren wimmelnden Leben in den engen Straßen. Traulich leuchtete durch Jahrhunderte das schwache Lichtlein vom Turme in die Tiefe der Nacht. Und wer das Lichtlein sah, der wußte sich wohl und behütet und dankte es dem da oben in treuem, heißen Bedenken, und fühlte, daß er eng mit ihm verbunden war, obwohl er niemals ihn sah*.“
*Ohne dieses Internet, von dem immer die Rede ist, und ohne das Medien-Interesse wäre auch die Türmerin der Jetzt-Zeit unsichtbar und bestünde nur als ein geheimnisvoller Klang am Abend. Interessant, zu versuchen, sich in diese alten Zeiten hineinzuversetzen!
Unbekannter Wächter
„Er kannte ihn nicht, er wußte nichts von ihm, nichts von seiner Menschlichkeit, er kannte nicht seine Seele, sein Leid, sein Frohsein, er sah nicht seine Alltäglichkeit in dem engen Kämmerlein, wie an holzgezimmertem Tischchen die Nüchternheit und Kahlheit ihn umgab. Er wußte nicht, wie er dem Sturmgesellen trotzte, wie er des Kältegrimms erwehrte. Er wußte nicht von dessen Speise und Trank, nichts von seiner Körperlichkeit, wie seine Gestalt, und wie seine wachsamen Augen. Er hörte nur die ruhige Stimme seines Horns und war zufrieden.
Als Jahrhunderte ins Land gegangen waren und als man das Jahr 1800 schrieb, da gab man dem Turmwächter neben seinem Horn das Sprachrohr, damit er bei enstehendem Brand ‚an allen Ecken des Turmes herunterrufen* solle, wo und in welcher Gegend der Stadt der brand seye‘.“
*In Nördlingen (Bayern) und in Lausanne (Schweiz) und wohl auch weiteren Orten mit Tradition wird bis heute laut gerufen – in Nördlingen "So, Gsell, so!" (Klick!) und in Lausanne die jeweilige Uhrzeit (Klick!).
Gute alte Zeit…
„Beruhsame, gute, alte Zeit, wo noch nicht das Rasseln laufender Wagen, das Jagen gehetzter Maschinen und das Gewühl der von Zeit und Not getriebenen Menschen jedes andere Geräusch übertönte, wo noch friedlich-langsame Straßen Verständigung gestatteten hoch oben vom Turme herab zu dem gewichtig vor seiner Haustür stehenden Krämer.
Lange schon ist der Tagwächter verschwunden. Verschwunden ist auch der liebe alte Turm*, der durch alle Zeit so zutraulich und verwandt auf die Giebel herunterlugte, die sich um ihn scharten.“
*Bis 1898 war St. Lamberti eine sehr andere Kirche, mit einem eckigen Turm und einer kupfergedeckten Haube. Da sich der Turm aber immer weiter gefährlich neigte und anders als in Pisa der schiefe Turm von Münster sich nicht durchsetzen konnte, wurde er abgebaut und neu errichtet. Mehr dazu habe ich unter anderem hier geschrieben, klick!

Glockenspiel
„Verschwunden und vergessen ist das alte Glockenspiel*, das einst der Stadt sein frommes Liedlein vom alten Turme sang.“
*Gut, dass es heute trotzdem noch Glockenspiele in der Stadt gibt – eine Übersicht seht ihr hier: Klick! – Ein herzlicher Gruß an dieser Stelle an Organist, Chorleiter und Multiinstrumentalist James Schäfer, den Kollegen, der so manches besondere Male auf dem Stadthausturm sogar höchstpersönlich, live und in Farbe das Glockenspiel bedient!
„Fremd und eitel steht da der neue Turm, ein stolzer, windiger Geselle. Aber geblieben ist sein Wächter. Von ihm aus geht noch derselbe Geist, der auch unserer Väter Wacht und Sorge war. Der da oben sah Münsters wirre Geschichte. Er sah der Wiedertäufer tollen Taumel und ihre grausame Not, er sah die durch 30 Jahre leuchtende Kriegsfackel und das Jauchzen der friedebeschenkten Menschen, er sah den kampflustigen Bernhard von Galen in grimmigen Zorn gegen seine Stadt marschieren, er sah in siebenjährigem Ringen Freund und Feind um den Besitz der Stadt sich streiten, er sah die französische macht und ihr Ende. Er sah den Einzug der Preußen und das Großwerden der alten Ludgerusstadt in langen Friedenszeiten. Er sah und sah und blies in treuer Wacht den Bürgern Stunden und Jahrhunderte.“
Und so soll und kann es noch viele weitere Jahre gehen. Wenn auch vieles in dieser trubeligen Welt äußerst unsicher ist; eines ist gewiss: Die Türmertradition in Münster wird weiterhin mit Leben gefüllt.
Ein Tuuut wird kommen, und das fast jeden Abend
Ist das nicht schön und labend? Das nennt man Tradition.
Ein Tuuut wird kommen, das sagt euch: Alles friedlich!
Ich halt noch lange Wache, da unten schlaft ihr schon!
Ein Ausblick noch von meiner hohen Warte:
So merket euch denn den 15. August 2025, an dem das diesjährige fulminante Stadtfest Münster mittendrin beginnet, eine der Bühnen befindet sich direkt am Fuße der stolzen Lambertikirche!
Und:
am 14. September 2025 wird es unter der Überschrift „Wert-voll: unbezahlbar oder unersetzlich?“ ein reichhaltiges Programm zum Tag des offenen Denkmals geben.
Eure Türmerin von Münster.
Zitate aus: Rudolf Predeek, Die Wiedertäuferstadt. Mit Zeichnungen von Bernhard Bröker. Verlag der Aschendorffschen Verlagsbuchhandlung, Münster in Westfalen 1926
Über den Autor Rudolf Predeek:
Geboren am 3. März 1886 in Meinerzhagen als Sohn eines Gerichtsrats. Nach dem Studium der Philosophie in Münster und der Promotion zum Dr. phil. war er an verschiedenen Orten als Lehrer und Redakteur tätig, 1919 beim Westfälischen Volksblatt, von 1919 bis 1921 bei der Westdeutschen Volkszeitung in Hagen und seit 1921 beim Münsterischen Anzeiger. Zuletzt war er Studienrat am Gymnasium in Arnsberg. Er starb am 22. August 1950 in Düsseldorf.
(Lexikon der westfälischen Autorinnen und Autoren, Klick!)




Vielen Dank für den Einblick in dieses wunderbare Buch über die Geschichte von Türmer*innen!
Mir war vorher gar nicht bewusst wie wichtig dieser Berufe für Städte war (und ist).