direkt vom turm gebloggt

Schlagwort: Türmer (Seite 18 von 21)

Helau vom Turme!

Wenn man einen neuen Artikel für dieses Blog schreiben möchte, steht in dem dafür vorgesehen Fenster in kursiver Schrift zu Beginn:

„Was beschäftigt dich?„

Nun – heute beschäftigt mich aus aktuellem Anlass die Frage, wie wohl Türmer von St. Lamberti in früheren Zeiten das bunte Treiben dort unten in den Straßen und Plätzen der Stadt Münster wahrgenommen haben mögen.

Waren die Türmer, wenn sie nicht Dienst hatten, Teil des Geschehens oder standen sie abseits?

Und wenn sie oben standen, wo jetzt ich stehe, und ihre Mitmenschen bunt kostümiert und feiernd beobachteten, was dachten sie wohl?

Carne vale – lebe wohl, Fleisch! Doch vor dem Fasten kommt das Feiern!

Der ursprüngliche Sinn und Zweck, einmal straf- und folgenlos gegen die Oberen aufzubegehren, legal spotten zu können und mit hintersinnigem Witz auf Missstände aufmerksam zu machen, ist auch heute noch klar erkennbar, wenn von „Ausnahmetagen“ die Rede ist, wenn die Bürgermeister den Schlüssel zum Rathaus „abgeben“ müssen, wenn die Umzugswagen am Rosenmontag aktuelle soziale und politische Situationen aufgreifen usw.

Die Preußen waren es, die den exzessiven ausufernden öffentlichen Gelagen eine gewisse Struktur gaben, indem sie den Rosenmontagsumzug „erfanden“, ein Wagen hübsch hinter dem anderen.

Hinter den Festivitäten und fröhlichen Feiern der jeweiligen Session stecken immer auch unzählige helfende Hände, hinter den Kulissen wird viel ehrenamtlich organisiert, gemacht und getan – jede Karnevalsgesellschaft hat ihre persönliche Tradition und Erfahrungswerte. Es wird geübt: Tanzen, Musizieren, Abläufe…

Matthias Welp fasst zusammen:

„Insgesamt gesehen wirkt der Karneval auf die kollektive Identität der Münsteraner, also innengerichtet.“ (siehe: „Die Westfalen und Karneval“ auf der Homepage des BMK – Bürgerausschuss münsterscher Karneval)

Das Gemeinschaftsgefühl ist wesentlich und sehr positiv.

Negativ beschrieben wird wie bei allen Großveranstaltungen der Alkoholkonsum bzw. seine Nebeneffekte – aber dies ist ja kein Phänomen, was dem Karneval an sich anzulasten wäre.

Was sowohl beim Straßenkarneval als auch bei den Sitzungen deutlich wird: Hier sind wahre Auskenner*innen, Bescheidwisser*innen und Brauchtumspfleger*innen am Werke, mit viel Spaß, teils harter Organisationsarbeit und der Überzeugung, dass auch der angeblich so „sture Westfale“ ein echter Karnevalist sein kann.

Natürlich sieht etwa der Kölner das wahrscheinlich völlig anders – aus der Turm-Perspektive aber sage ich: Jedem Tierchen sein Pläsierchen, bunter Frohsinn hat noch niemandem geschadet, dort so – und hier eben so. Und ist es nicht wahrlich faszinierend, wenn erwachsene Menschen so eine bannige Freude daran haben, sich zu kostümieren, zu singen und bestimmten tradierten Ritualen des Feierns zu folgen?

Ich bleibe mir selbst treu und gehe als: Türmerin! Tagsüber gesellig, abends eremitisch – in diesem Sinne: Ein fröhliches HELAU! vom Turme 😉

Getürmte Türmer

Zur Vorweihnachtszeit werden Viele ganz sentimental, ich versuche dann, mich sinnvoll zu beschäftigen (abzulenken) – mit Lesen und Recherchen über die Vergangenheit und was diese mit uns heute noch zu tun haben mag. Im Turm geht dies ganz hervorragend, ist man doch automatisch 300 Stufen weit weg von den alltäglichen Problemen und der alljährlichen Sentimentalität und dafür viel näher in einer vergangenen und doch immer noch präsenten Zeit, der Zeit der früheren Türmer, die Zeit, als Münster noch eine Stadtmauer hatte… wohlan! Direkt vom Turm gebloggt:


Der münstersche Zwinger und auch der Buddenturm waren Teil des Stadtbollwerks, der Stadtmauer, an deren Stelle heute unsere beliebte Leezen-Rennstrecke, die Promenade, liegt. Türme in Stadtbefestigungen – auch in Münster – dienten bis in die Neuzeit als Gefängnis, und damit waren die Turmwächter letztlich in diesen Fällen Gefängniswärter – das galt aber nicht für Türmer auf Kirchtürmen!

Raue Zeiten, raue Sitten – Paul Maar zitiert ein Statutenbuch von 1572:

„Wenn durch des Turmhüters gefährlichen Unfleiß ein Gefangener aus dem Turm entflieht, soll der Turmhüter die Strafe erleiden, die dem Gefangenen auferlegt war.“ (Maar in „Türme“ 1987/2005, S. 216)

Das führte anscheinend tatsächlich zu vielen jahrelang eingesperrten ehemaligen Türmer und sogar einigen gehängten ebensolchen…!

Dazu passend ein Blick in Jacob und Wilhelm Grimms Wörterbuch von 1891:

„thürmen: Jemand in einen (Gefängnis-)turm setzen, werfen„

Heute bedeutet „türmen“ landläufig genau das Gegenteil, nämlich „fliehen“; welch interessanter Wandel des Wortgebrauches!

Fazit: Nicht nur die Aufgaben und die Rezeption der Türmer haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, auch die Türme, ohne die die Türmer nicht Türmer wären, haben oft ganz verschiedenen Zwecken zu verschiedenen Zeiten gedient – ein Besuch im Stadtmuseum Münster und eine Führung in den Zwinger eröffnen einem Horizonte zu diesem und anderen Themen… und ich meinerseits bin ganz froh, städtische Türmerin auf einem Kirchturm zu sein, wenn auch auf einem mit spektakulärem, makabrem „Anhängsel“ (den sogenannten „Wieder-„Täufer-Körben) – aber das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit erzählt werden wird… 🙂

Türmergarn und Sky Run

In Münster kennen wir z.B. Goethes Totentanz und die Legende des reichen Bürgers als Grund für ein Tut-Verbot Richtung Osten. Wieviel Wahres oder Zusammengereimtes jeweils in den Erzählungen steckt, ist nicht vordergründig wichtig, geht es doch vor Allem um eine gute Story, die von Türmer zu Türmer zu Türmerin weitergegeben werden kann, nicht zuletzt auch als Stoff für Interviews.

In Rouen, Nordfrankreich, kennt man auch solche Stories – z.B. die Legende des Tour de Beurre (Butterturm). Eine der (gefühlten tausend oder mehr) Geschichten, die sich darum ranken und die ich selbst von meinem Großvater gehört habe, möchte ich hier vorstellen:

Der Rat der Stadt berief einen jungen Baumeister, einen prächtigen Turm für die Kathedrale zu bauen. Dieser hatte Sorge, er schaffe es nicht alleine und paktierte daher mit dem Teufel. Der Teufel wollte als Dank für seine Hilfe (natürlich) die Seele des Baumeisters. Der Turm wurde in einem Jahr fertig und der junge Baumeister wurde gefeiert.

Ihm war aber nicht nach Feiern zumute, ständig dachte er darüber nach, aus dem teuflischen Vertrag herauszukommen. Er bot dem Teufel an, dass dieser seine Seele sofort haben könnte und nicht erst viele Jahre auf seinen Tod warten warten müsste. Alles was der Teufel dafür tun müsste:

Sky Run!

Innerhalb des Geläuts der zwölften Stunde von unten nach oben zur Türmerstube rennen, vor dem letzten Glockenschlag oben angekommen sein. Dann gehörte die Seele ihm – anderenfalls sollte der junge Mann aus dem Vertrag entlassen werden.

Gesagt, getan, ein Teufel, ein Wort. Er rannte „wie der Teufel“ los, rutschte allerdings im oberen Drittel auf den butterbeschmierten Stufen aus und schaffte es nicht rechtzeitig… und verschwand in einer Schwefelwolke. Der listige Baumeister und seine Seele waren gerettet!

Der historische wahre Kern der Geschichte ist aber wahrscheinlich:

Die Bauarbeiter wurden beim Bau des Turmes der Kathedrale von Rouen mit den Geldern aus dem Verkauf der alljährlichen Butterspende der Bürger bezahlt. Butter wurde in den Haushalten selbst hergestellt und während der Fastenzeit vor Ostern den Kirchenvertretern gespendet, welche sie verkauften, um den Turmbau bezahlen zu können.

Aber Sky Run des Teufels und mit Butter beschmierte Turmtreppe klingt ungleich cooler als Erklärung, warum der Tour de Beurre als „Butterturm“ in die Geschichte eingegangen ist. Was den Seemännern ihr Seemannsgarn ist eben den Türmern ihr Türmergarn 🙂

Turmstuben-Bücher November 2014

Sapperlot! Potzblitz! Ist es denn die Möglichkeit… Schon ist der November angebrochen und es kommt nun die Zeit, in der Viele im Dunkeln morgens aufbrechen und im Dunkeln abends zurückkommen… Dunkel war’s, der Mond schien helle – wohlan denn! In der Turmstube ist dies wiederum unter Anderem die Zeit für besinnliche, anregende und aufregende Literatur im Halbe-Stunden-Takt.

Die Turmstuben-Bücher des Monats November sind:

Robert Löhr: Krieg der Sänger. Piper Verlag GmbH München 2012 (Taschenbuchausgabe 2013)

Deutsche Gedichte. Von den Zaubersprüchen bis zur Gegenwart. Sammlung Dieterich, Band 91. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Wiesbaden [ca. 1950] (2)

Weiterlesen

Typisch

Wenn man unterschiedliche Menschen nach dem fragt, was für sie persönlich das Typische an Münster sei, bekommt man mitunter sehr unterschiedliche Antworten, die doch im Kern wieder einiges verblüffend gemeinsam haben.

Weiterlesen

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »