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Die Lust an der Last: Cargobikes!

Cargobike ist das englische Wort für Lastenrad, in Münster kennen wir es als Lasse, Lotte, Lemmy, Lea*Leo, Hiltrud oder Mimi. Und wenn man erstmal anfängt, nach ihnen Ausschau zu halten, sind sie plötzlich überall…

Drei Radler in Münster, einer mit Lastenrad "Mimi"
Leih-Lastenrad „Mimi“ im Einsatz, Foto: A. Sommerhage

Im November 2015 fing alles an: Mit Lasse, dem Lastenrad, das ihr in Münster kostenlos ausleihen könnt. Das „Baby“ in der Leih-Lastenrad-Familie heißt Mimi, nach der sächsischen Siedlung Mimigernaford, aus der unser heutiges Münster hervorgegangen ist.

Mimi könnt ihr gratis
in der Münster Information ausleihen –
und hier geht’s zur Anleitung: Klick! 

siehe: www.lastenrad-ms.de

Die ehrenamtliche Organisation „Lasse – Dein Lastenrad für Münster“ ist Teil eines großen Netzwerkes freier Lastenräder in Deutschland – in über 100 Städten könnt ihr welche ausleihen und gucken, wie’s euch damit so geht.

Manch eine ist vielleicht noch skeptisch, die Autorin Marion Lohoff-Börger schrieb zum Beispiel:

Und wat ich von diese neue Mode mit die Lasten-Leezen halten soll, dat weiß ich auch noch nicht.
Is ja ömmes jovel, wenn die Kotens da vorne in den Karnickel-Kabuff aus Holz sitzen und an Schallern und Ömmeln sind. Die Alsche trampelt hamel rein und mit nen bisken Strom untern Leezentritt scheint dat ne hamel jovle Sache zu sein. Ömmes!

Quelle: Alles Münster! 21. April 2019 (Klick!)  

Dieses bunte Sprachengemisch ist Masematte, Münsters unbedingt lebendig zu haltende „Geheimsprache“, genauer: Soziolekt. Zur weitergehenden Information empfehle ich „Schreibmaschinenlyrik“ – Marions Werke und Seite: Klick! 

Hier in diesem Zusammenhang finde ich einfach den Ausdruck des „Karnickel-Kabuffs aus Holz“ mit singenden Kindern darin total witzig! Passend dazu eine Zeichnung von Ralph Berwanger aus Berlin:

Zeichnung eines Lastenradfahrers mit Kind vorne, Zeichner: Ralph Berwanger
Zeichner: Ralph Berwanger, Berlin, www.sixerberlin.de

Aber ihr könnt natürlich nicht nur Kinder damit unkompliziert und fröhlich überall hin schippern, es soll Leute geben, die ziehen sogar mit einem Lastenrad um (ich weiß, wovon die Rede ist, Umzug anno 2003 mit einem ausrangierten Postfahrrad!).

Eine Regalwand auf einem alten Postrad
Regalwand? Passt aufs Postrad!
Festgebundene Regalbretter auf einem alten Postrad
Da hilft nur noch: Schieben!

Lastenräder
sind übrigens keine Erfindung
der Hier-und-Jetzt-Zeit!

Schon vor hunderten von Jahren transportierten Bäcker, Fischhändler, Kunstmaler, Imker, Schuster – und selbst die Feuerwehr und viele mehr auf Lastenrädern ihr Gewerke…

historisches Bild eines Lastenrads
Quelle: Blog Fahrradleben, https://fahrradleben.blogspot.com/2013/04/das-lastenrad.html

Der städtische Lieferverkehr per Rad war meist dem Kutschenfuhrwerk nachempfunden und um 1900 so genannt:

  • „Driewielerbakfietsen“ (Niederlande)
  • „Carrier Tricycles“ (Großbritannien)
  • „Ladcycler“ (Dänemark)
  • „Triporteurs“ (Frankreich)

Im Laufe der Jahre wurde viel ausprobiert, getüftelt und gelastenradelt, und bis heute gibt es immer neue Entwicklungen, zum Beispiel mit Elektromotorantrieb.

Fahrradbastler waren und sind ein crazy Völkchen, es gab z.B. ein Kult-Blättchen namens „Einfälle statt Abfälle“, darin immer allerlei tolle Ideen, wie man aus Schrott brauchbare Sachen „dengeln“ kann – so natürlich auch Schwerlast-Dreiräder oder Fahrradanhänger. Diese Hefte stammen aus den 1980er Jahren – aber Selbermachen (Do-it-yourself) ist heute eine immens wichtige Wiederentdeckung, Stichworte: Ressourcenmangel, Klimawandel, Nachhaltigkeit.

Fahrradschrott aus dem Kanal gefischt
…aus dem Kanal gefischt…
Fahrradschrott
… kann man diese Leeze wiederbeleben?

In Münster wird übrigens äußerst klimafreundlich auch alles erdenkliche – sogar Dokumente vom Amt! – per Leeze gebracht: Von den Leezen Heroes, Klick! – und sie kutschieren euch tofte durch die City via Rikscha!

„Lastenräder können und werden die Stadt retten. 
Die Leezen Heroes lösen bereits jetzt komplexe Logistik-Probleme von Unternehmen im urbanen Raum…“

LEEZENHEROES MÜNSTER, leezenheroes.de/cargo/
Bild von der Homepage der Leezen Heroes Münster
Quelle: Leezenheroes Münster

Die Geschichte der Lastenräder – auch Rikschas gehören dazu! – hat niemand so umfangreich und hochinteressant niedergeschrieben wie Juergen Ghebrezgiabiher und Eric Poscher-Mika; die beiden haben sich beim Fahrrad-Tüfteln kennengelernt und sehr lehrreich ihre Recherchen in Buchform gegossen:

Cargobike Boom.
Wie Transporträder unsere Mobilität revolutionieren,
Maxime Verlag Maxi Kutschera, 2018:

Türmerin mit dem Buch Cargobikeboom
Lastenrad-Bibel:
Buchcover von Cargobikeboom
Cargobike Boom!

Sie erwähnen alle Bauformen (2 Räder: klassisches Bäckerrad, Frontlader, Long John, Tieflader, Longtail…, 3 Räder: Bakfiets, Delta-Dreirad, Ackermann-Lenkung…, 4 Räder: Vrachtfiets – siehe Leezen Heroes! … usw.), sie berichten über Eignung verschiedener Systeme für unterschiedliche Zwecke, machen unterschiedliche Typen von Menschen aus, die Lastenräder nutzen oder sogar selber bauen, und sie analysieren drei Wellen der Transportradgeschichte:

  1. Die Urahnen aus der Zeit vor der massenhaften Verbreitung des Automobils wie oben genannt;
  2. die ökologischen Ansätze der 1970/80er Jahre samt Kapitalismuskritik und Umweltbewusstsein;
  3. die „Lust an der Last“ inklusive Lifestyle-Attitüde mit moderner Technologie.

Auf rund 200 Seiten erfahren wir  viel über Historie und Technik, und wir lesen Interviews mit Nutzer:innen und überzeugten Hersteller:innen, und bekommen sukzessive immer mehr das Gefühl, dass diese Cargobikes tatsächlich the running big thing sind und manches Mal den PKW ersetzen können.

Sehr aktuell auch die Frage:
Wem gehört die Straße?

In Münster lässt sich daran angelehnt hervorragend streiten über die Frage: Was macht eine Fahrradstadt eigentlich aus?


Seit ich mich mit dem Thema Fahrradfahren, #mdRzA (mit dem Rad zur Arbeit) und ebenjenen Transporträdern beschäftige, sehe ich sie überall. Und wenn meine Transporträder mal nicht ausreichen, um Dinge von A nach B zu transportieren, ist so ein kostenloses Leih-Lastenrad auf jeden Fall das ideale Mittel der Wahl.

Musikzubehör auf dem Transportrad von Stephan Quitmann.
Musikzubehör auf dem Transportrad von Stephan Quitmann.

Die Transporteinheit von Mimi an der Münster Information lässt sich übrigens total easy zusammenklappen, ein klarer Pluspunkt zum Parken!

Probiert’s aus und erzählt mir von euren Erfahrungen –
hamel Jontev (viel Spaß) beim Strampeln!


Und hört mal bei dem schönen #heimatliebe-Podcast
„Münster Moments“ rein, Folge 4:
300 Stufen zum Glück

wer ist hier wohl Interviewpartnerin? 😉

Eure Türmerin von Münster.

2 Kommentare

  1. Brigitta

    Früher war nicht alles schlecht :))

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