Liebe Freundinnen und Freunde des gepflegten Brauchtums und der aktiv gelebten Tradition! Auch in dieser Adventszeit möchte ich euch einige interessante Blicke in die Vergangenheit schenken, verteilt auf 4 Artikel zu jedem Adventstage bis zum christlichen Hochfeste Weihnachten.
Dazu habe ich die letzten Monate Berichte gesammelt.
Danke an alle, die mit mir ihre Erinnerungen und persönlichen Geschichten geteilt haben!
Hier ist der erste von 4 Adventsbeiträgen:
Tauchen wir gleich gemeinsam ein in die Nacht des 29. November auf den 30. November… Das ist im Jahr 2025 die Nacht von Samstag auf Sonntag, die eine Türmerin von Münster natürlich auf dem Lambertikirchturm verbringt – die Andreas-Nacht!
Eine erste Inspiration für die diesjährigen Adventsgeschichten bekam ich im RELÍGIO in Telgte, einem wunderbaren Museum in zwei Häusern (Westfälisches Museum für religiöse Kultur, klick!).
Der Titel der aktuellen Krippenausstellung lautet „Hoffnung“ (noch bis zum 25. Januar 2026).
Eine Dauerausstellung hat zum Thema „Feste im Jahreslauf“ (Klick!) – mit dem Schwerpunkt christliches Weihnachtsfest, wie es heute weit über die ganze Welt verstreut gefeiert wird.
Feste können den Jahreslauf strukturieren und identitätsstiftend wirken. Einfacher ausgedrückt: Wer gemeinsam feiert, fühlt sich wohl. Einer Gruppe, einer Familie zugehörig.
Dabei wirken uralte Rituale besonders schön – der Adventskalender, der Kranz mit den Kerzen, eine Krippe aufstellen, der Weihnachtsbaum, gemeinsames Singen, sich Geschenke machen…
Die Adventszeit ist auch hier im schönen Münsterland geprägt durch vielfältige Weihnachtsmärkte (hier geht’s zu den Besonderheiten in Münster, klick!). Von meiner hohen Warte auf dem Lambertikirchturm bin ich jedes Jahr erneut tief berührt von den schön mit Lichtern geschmückten Bäumen allüberall, der zauberhaften Stimmung, der herrlichen Aussicht.
Und jedes Jahr wird in dieser katholisch geprägten Stadt die Adventszeit mit der Erinnerung an den Heiligen Andreas begonnen (aber auch eine evangelische Kirchengemeinde in Coerde ist nach Andreas benannt). Mit Andreas befinden wir uns wie in alten Zeiten an der Schwelle des Kirchenjahres, auch wenn früher diese religiösen Daten sehr viel mehr Bedeutung für die Mehrheitsgesellschaft hatten.
Der Andreastag, 30.11.2025, ist in diesem Jahr auch der 1. Advent.
Warum aber ist der 30.11. der
Tag des Heiligen Andreas –
und wer war das überhaupt?
Was ich persönlich schon wusste: Der Heilige Andreas ist der Nationalheilige von Schottland (St. Andrew), der Tag wird dort vielerorts fulminant gefeiert, mit wunderbarer Musik – die schottische Flagge besteht aus dem Andreaskreuz, es ist auch Bestandteil der Flagge Großbritanniens:


Andreas ist aber auch Patron von Russland, Spanien, Griechenland und Sizilien sowie zahlreicher Städte. Er gilt als Schutzhelfer der Fischer, Bergleute, Seiler, Metzger und Wasserträger. Fürbittengebete zum Heiligen Andreas adressieren allerlei Krankheiten, z.B. Gicht, Krämpfe, Halsweh usw.
Er stammte ursprünglich wahrscheinlich aus Bethsaida in Galiläa und lebte als Fischer in Kafarnaum am See Genezareth (so berichtet uns das Johannesevangelium). Andreas war ein Jünger und Apostel; heute würde man sagen, er gehörte zu den Followern Jesu. Erst war er Fan von Johannes, dem Täufer; der berichtete ihm von Jesus, und so kam Andreas zu seiner neuen Berufung als „Menschenfischer“.
Am 30. November im Jahre 60 nach Christi Geburt soll er der Überlieferung nach in Patras (Griechenland) als Märtyrer gestorben (also ermordet worden) sein.
Andreas soll an ein schräges Kreuz, bestehend aus zwei diagonal aneinander gelegten Holzbalken, gebunden worden sein. Das Andreaskreuz kennen wir heute noch als Symbol für die Anti-Atomkraftbewegung (in gelb) und als Gefahrenzeichen an Bahnübergängen:


Der Heilige Andreas selbst wird in der Kunst zumeist mit langem, dunklem Bart dargestellt. Die Attribute, die dem Apostel zugeordnet werden, sind neben dem Querkreuz zusätzlich noch die Schriftrolle.
Der Fisch samt Fischernetz kam erst später, im Mittelalter hinzu. (Eine Quelle dazu: Brauchwiki, klick!)
Neubeginn mit Andreas
Da der 30. November wie erwähnt, das Kirchenjahr beendete bzw. nun ein neues begann, liegt hier auch die Erklärung, warum es alter Brauch war, am Andreastag nach der Zukunft zu fragen – zum Beispiel nach dem Wetter.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
aus „Stufen“ von Hermann Hesse, Basisliteratur für Türmer und Türmerinnen
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wenn wir nur ein kleines bisschen zurückreisen in der Zeit, ins 19. Jahrhundert und folgende, dann können wir uns auch heute noch einfühlen in die bäuerlich-ländlich geprägte Gesell- und Landschaft. Das Wetter ist hier nachvollziehbar wichtig für die Planung der Aussaat und Ernte. Und so haben sich einige Bauernregeln im Nischengedächtnis gehalten, von denen mir einige meiner sehr geschätzte Quellen berichten:
Schau in der Andreasnacht
Was für’n Gesicht das Wetter macht:
So wie es ausschaut, glaub’s fürwahr,
bringt’s gutes oder schlechtes Jahr.
Und:
Andreas hell und klar
deutet auf ein gutes Jahr.
Und wie funktionieren die Andreas-Orakel?
Die Andreas-Nacht wird auch „Los-Nacht“ genannt, also eine (abergläubische) Gelegenheit für Orakel, die die Zukunft deuten lassen.
Geht es bei den Bauernregeln um die Zukunft der Landwirtschaft, gibt es auch zahlreiche Belege für Fragen nach Eheglück und Kindersegen – denn Andreas ist nämlich auch der Schutzheilige der Liebenden und des Ehestandes.
Dazu wird berichtet:
Beim Blick ins nächtliche Kaminfeuer (oder in den Spiegel bei Kerzenlicht) spreche man ein Andreasgebet und schon erscheine einem das Bild des zukünftigen Liebsten.
Eine andere Idee: Man beiße drei Mal in ein Gebäck, und der nächste Mensch, der einem danach begegnet, wird der Ehemann.
Lustig finde ich das Pantoffelwerfen: eine unverheiratete Frau werfe den linken Pantoffel über die Schulter zur Tür. Fällt der Pantoffel mit der Spitze zur Tür, komme es noch im selben Jahr zur Hochzeit. (Ich bin bereits verheiratet, also habt ihr keine umherfliegenden Pantoffeln am Prinzipalmarkt zu befürchten!)
Dann wurde mir noch vom Apfelorakel erzählt: Hierzu werde ein Apfel so geschält, dass die Schale ein einziges, langes Band bilde. Dieses werde dann rückwärts über die linke Schulter geworfen. Es bilde sich dabei der Anfangsbuchstabe des Zukünftigen.
Ja, es sind allerlei schräg anmutende Rituale dabei. Aus heutiger Sicht schräg. Wobei es ja auch heutzutage so manche wilde Esoterik gibt – doch dieses Fass machen wir heute nicht auf.
Was auch immer ihr tut oder orakelt, passt auf euch auf, seid lieb zueinander und habt idealerweise eine friedliche Andreas-Nacht und Adventszeit.
Grüße gehen raus an meinen Onkel Andreas!
Eure Türmerin von Münster.



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