Hoffentlich seid ihr gut in der Adventszeit angekommen! Ich habe
schon den ersten Kinderpunsch getrunken und bin eingetaucht in
die fröhliche Welt der Lichter und Buden vor der katholischen Stadt-
und Marktkirche St. Lamberti. Diese schöne Atmosphäre ist nun bis
vor Heiligabend meine tägliche Dosis Festlichkeit – und das
perfekte Gegengewicht zu der unplanbaren Seltsamkeit unserer
Zeit.
Zuhause habe ich Adventskalender gebastelt und
zusammengestellt, ein Beispiel:

Adventskalender selbstgebastelt

Und auch aus dem erweiterten Bekanntenfeld erfahre ich, dass
Adventskalender durchaus noch verschenkt und genutzt werden.
Das brachte mich dazu, eine kleine Umfrage zu starten, an was
sich die älteren meiner Leserinnen und Leser bzw. Gäste meiner
Vorträge in Sachen Adventskalender erinnern, und einige
weitergehende Literaturtipps gibt’s auch dazu. Tauchen wir gemeinsam ein in
die Geschichte…

Wir kennen heute sehr vielfältige Adventskalender, sowohl für
Kinder als auch für Erwachsene gibt es die unterschiedlichsten
Produkte, wobei das Grundkonzept immer gleich ist: Bezifferte
Türchen, hinter denen sich stimmungsvolle Bilder verbergen, oder
auch Süßigkeiten, bis hin zu Waren wie Parfümen, Teesorten oder
Tierfutter usw. (sogenannte Füllkalender).
Adventskalender machen Spaß, man kann sie selber basteln oder
auf gekaufte Exemplare vertrauen. Sie sollen die Vorfreude auf das
Weihnachtsfest steigern und sorgen dafür, dass insbesondere
Kinder anschaulich sehen können, wie lange es noch dauert, bis
Weihnachten gefeiert wird – und es die traditionelle Bescherung
gibt. Ursprünglich war der Nikolaustag der Tag der Kinderbescherung – Augustin Wibbelt berichtet:

„Sankt Nikolaus hatte herkömmlicherweise das kinderfreundliche Amt der Bescherung, indem er nachts, auf seinem Schimmel vorbeireitend, den Teller füllte, den wir vertrauens- und erwartungsvoll draußen auf die Fensterbank gestellt hatten.“

nachzulesen in meinem Beitrag von 2021, Klick! über den Ersten Weihnachtsbaum und Augustin Wibbelts Erinnerungen an die Weihnachtszeit.

Bescherung zu Weihnachten kennt man in unserer Region nämlich erst ab dem 19. Jahrhundert!

Dabei ist es heute möglich, auch ohne die religiöse Betonung des
christlichen Hochfestes eine festliche Fröhlichkeit zu schaffen,
indem jeden Tag ein neues Türchen o.ä. geöffnet wird.

Es gibt Nachweise über erste Kalender-Ideen aus dem 19.
Jahrhundert, wo in Familien zum Beispiel Striche mit Kreide an
Schränke gemalt worden sind, die die Tage im Dezember bis
Weihnachten deutlich machten.

Eine weitere Idee ist als Visualisierung eine Uhr – im Mutterland der
Uhren, der Schweiz, gibt es einige Weihnachts- oder Adventsuhren,
die ab 1900 auch nach Westfalen gekommen sind.
Genau wie die klassische Uhr zur Zeitmessung sind diese
Weihnachtsuhren in zwölf Felder unterteilt, in denen Strophen von
Weihnachtsliedern und Gedichte stehen. Manche enthalten auch
Aufgaben, wie den Baum schmücken oder eine Krippe bestücken –
z.B. jeden Tag weitere Strohhalme hinzufügen.

Hier zeige ich euch einen besonders schönen Fund: Eine
Weihnachtsuhr von ungefähr 1925, ein Geschenk an die Kinder des
Hofes Bennemann im Kreis Unna (Obermassen), nach Schweizer
Vorbild:

Weihnachtsuhr von ca. 1925
aus „Weihnachten in Westfalen um 1900″, herausgegeben von Dietmar Sauermann, Digitalisat, klick! (pdf)

In den zwölf Feldern stehen diese Verse:


Bei Dietmar Sauermann lesen wir weiter:

Entwicklung

Interessant ist auch die Entwicklung, die Dietmar Sauermann
beschreibt: Im 20. Jahrhundert gingen die religiösen
Darstellungen in den offiziellen Adventskalendern zurück; und die
weltlichen Darstellungen wurden während der Nazi-Zeit politisch;
aus Weihnachtsmännern, Schneemännern, Engeln wurden
Soldaten und Hitlerjungen, Panzer und Kriegsschiffe. Aus
Weihnachten wurde Sonnenwende, das Christkind wurde zum
Lichtkind, christliche Gebete und Sprüche wichen Propaganda.

Aber auch anderes Zeitgeschichtliches kann man heute
rückblickend erkennen: Die manchmal enthaltenen Backrezepte
waren ohne Fett und ohne Eier – erklärbar durch Mängel während
des Krieges.

Wegen des Papiermangels gab es ab den 1930er Jahren starke
Beschränkungen an Maßen und Gewicht, es wurde sehr
holzhaltiges Papier verwendet – bis zum Ausbruch des 2.
Weltkrieges, wo dann zeitweise der Druck von Bildkalendern auch
eingestellt worden ist.

Nach dem 2. Weltkrieg gab es wieder Lizenzen für die Verlage, in
den Besatzungszonen Deutschlands gab es unterschiedliche
Entwicklungen in Ost und West:

BRD-Adventskalender

In der BRD gab es durch den führenden Adventskalender-Verlag
Richard Sellmer (Stuttgart) eine starke Betonung auf die
internationalen Beziehungen, besonders die Anbindung an den
amerikanischen Markt, als Kunden (und Multiplikatoren) galten die
hier stationierten Soldaten. Die Kalender wurden in Englisch und
Schwedisch produziert.
Funfact: Den Sellmer Verlag gibt es bis heute – und er ist
ausschließlich spezialisiert auf Adventskalender! (Klick!)

DDR-Adventskalender

Auch in der DDR gab es nach dem Krieg wieder Adventskalender
von verschiedenen führenden Verlagen. Weihnachtsmessen wie in
Leipzig waren hier besonders wichtig für das Geschäft und die
Vernetzung von Künstlern und Verlagen.
Inhaltlich (bildlich) gab es erkennbare Unterschiede zum Westen:
Engel, Wichtel und Krippendarstellungen verschwanden, ersetzt
wurden sie u.a. durch nicht-religiöse Tannen, Waldtiere,
Wintersport. Auch Sagen- und Märchen-Adventskalender wie vom
Planet-Verlag Berlin waren populär.

Pädagogisch / kommerziell

Pädagogische Ansprüche waren schon in den allerersten
überlieferten Adventskalendern erkennbar – Kinder zum Lesen
anregen, zum Gedichte/Gebete-Auswendiglernen, etwas über
Jesus Christus lernen….
Heute begegnen uns an jeder Ecke kommerzielle Adventskalender
mit Produktwerbung und ideologischen Inhalten. Aber auch
Zwischendinge existieren: Selbstgebasteltes mit gekauften
Produkten bestückt. Die Kreativität kennt keine Grenzen, um
anderen eine Freude zu machen.

Da der 2. Weltkrieg noch nicht lange her ist, gibt es aber immer
noch lebendige Erinnerungen an diese Zeit, da Militarisierung und
Propaganda zum Alltag gehörte. Auch von der großen Sehnsucht
nach Normalität, Frieden und Besinnlichkeit können wir heute noch
erfahren, sei es von Zeitzeugen, Zweitzeugenberichten oder in
Dokumentationen und Büchern.

Kein Wunder, dass der Adventskalender als solcher auch die
schlimmsten Zeiten überlebt – die Propagandainhalte sind leicht zu
ersetzen durch Unverfängliches, Schönes, und wem der christliche
Glaube hilft und etwas bedeutet: auch wieder religiöse Bildsprache!

Nostalgischer Adventskalender mit kleinen Bildern in der Türmerstube
Nostalgischer Adventskalender mit kleinen Bildern in der Türmerstube

Ich freue mich über Rückmeldungen zu euren Erfahrungen in
diesem und vergangenen Jahren: Bastelt oder kauft ihr
Adventskalender für andere – oder für euch selbst? Oder seid ihr
mit einem Kalender beschenkt worden? Welche Art mögt ihr
besonders gerne, egal ob jetzt oder als Kinder?

Ich tute euch an den lieben Advent! Einen friedlichen Nikolaustag!

Eure Türmerin von Münster.


Quellen und Weiterführendes:

Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, Klick!

Deutschbein, Christina; Korsten, Nils (2007): Heilige Nacht? Das
Weihnachtsfest im Dienst der NS-Propaganda. Begleitband zur
Sonderausstellung „Von wegen Heilige Nacht. Das Weihnachtsfest
in der politischen Propaganda“ in der Ausstellungshalle des
Museumsdorfes Cloppenburg vom 18. November 2007 bis zum 24.
Februar 2008. Cloppenburg: Museumsdorf Cloppenburg.


Peschel, Tina; Bouchette, Gretel; Vanja, Konrad (Hg. 2009):
Adventskalender. Geschichte und Geschichten aus 100 Jahren.
Husum: Verlag der Kunst Dresden.


Sauermann, Dietmar (1996): Von Advent bis Dreikönige.
Weihnachten in Westfalen. Beiträge zur Volkskultur in
Nordwestdeutschland, Bde. 93, Münster: Waxmann Verlag.