Herzlich willkommen zu meiner Geschichte zum 3. Advent 2025!
Hier soll es um weitere Bräuche in der (westfälischen) Adventszeit gehen. Über Adventskalender habe ich bereits geschrieben (klick!) und in der diesjährigen ersten Adventsgeschichte ging es um die Andreasnacht (klick!). Kommt mit und staunt, was wir beim Blick über die Wallhecken Richtung Ostwestfalen (so weit geht der Blick!) erspähen werden…
Vom Lambertikirchturm aus haben Türmer seit jeher einen idealen Überblick, was in der Stadt Münster und im Umland passiert. Heutzutage liegt die Friedensstadt ihrem Namen alle Ehre machend friedlich um den spitzen Turm herum. Am 7. Dezember 2025 gab es am frühen Abend einen Menschenauflauf auf dem Domplatz – was war geschehen? Trotz des hierzulande ebenfalls traditionsreichen Regens fanden sich Menschen zuhaufe, die dem Ruf der Ankündigung „Münster singt!“ gefolgt sind. Gemeinsames Singen von klassischen und modernen Adventsliedern – das ist immer eine gute Idee, stärkt das Wohlbefinden und macht Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Weil der Arbeitsbeginn der Türmerin von Münster in den späten Abendstunden beginnt, konnte das ganze Spektakel nicht von oben goutiert werden – aber hier ist ein stimmungsvoller Erlebnisbericht der sehr zu empfehlenden Quelle „Alles Münster“: Klick!
Auch in Gütersloh wird in Gruppen gesungen, man nennt es Adventssingen, und das hat eine lange Tradition…
Die Anfänge
Es ist verzeichnet, dass seit dem Jahre 1790 die Nachtwächter der Stadt Gütersloh an den Adventssonntagen und in der Neujahrsnacht abends um 22 Uhr singend durch die Straßen zogen. Dieser „Wächtergesang“war sehr beliebt, leider auch zunehmend bei den Bierseligen. Immer schlimmer wurde die Störungen durch schlimm alkoholisierte Männer, die zu später Stunde natürlich die Kneipen zuhauf bevölkerten.
Die christliche Jugend übernimmt
1875 heißt es, die Nachtwächter wurden als singende Organisatoren durch den Evangelischen Jünglingsverein abgelöst (dieser Verein ging später auf im noch heute existierenden CVJM, dem Christlichen Verein junger Menschen, einem globalen, überparteilichen und konfessionsungebundenen Jugendverband). Leider brachte auch dies keine Verbesserung. Dann kam 1886 Pastor Max Huyssen (der Gründer des Evangelischen Jünglingsvereins) auf eine Idee: Statt spät abends solle ab sofort schon 5 Uhr morgens gesungen werden! Eine schlaue Entscheidung, denn da liegen die meisten Schnapsdrosseln ja hoffentlich in ihren Schlafstätten.
Während des Ersten Weltkrieges durften offenbar auch erstmals Frauen mitsingen, weil viele Männer ja an der Front waren. Vorher war das Adventssingen nur Männern gestattet – womit wir bei einer Gemeinsamkeit vielerlei Traditionen wären; siehe Türmer von Münster… 😉
Aktive Tradition bis heute!
Die frühe Uhrzeit wurde erfolgreich beibehalten, und erstaunlicherweise gibt es bis heute Menschen in Gütersloh, die dieses Brauchtum aktiv leben!
Und so funktioniert das Adventssingen: Um 5 Uhr morgens an jedem Adventssonntag treffen sich die Sangeswilligen an festgelegten Orten (darunter Kirche, Kindergarten, Höfe), und gegen 5:30 Uhr oder 6 Uhr geht es dann eine verabredete Strecke entlang, jede Gruppe in einem anderen Teil der Stadt, gemeinsam singend, die frohe Botschaft der kommenden Feier der Geburt Jesu Christi verkündend!
Liederfolge
1. Advent = Wie soll ich Dich empfangen (Text: Paul Gerhardt, 1607-1676; Melodie: Johann Crüger, 1598-1662), hier die erste Strophe (Quelle: Alojado Lieder Archiv, Klick!):

Der Text ist die pure Vorfreude und erwartungsfrohe Vorbereitung, die das christliche Weihnachtsfest ausmacht, typisch Advent – denn Advent bedeutet er kommt, Jesus kommt auf die Welt, er bringt das Licht und die Hoffnung.
2. Advent = Macht hoch die Tür (Text: Georg Weißel, 1590-1635; Melodie: Johann Anastasius Freylinghausen, 1670-1739), hier die erste Strophe (Quelle: Alojado Lieder Archiv, Klick!):

Es ist eines der beliebtesten all-time-favourite Adventslieder und wurde schon im 19. Jahrhundert auch ins Englische übersetzt und seither fast auf der ganzen Welt gesungen.
3. Advent = Mit Ernst, o Menschenkinder (Text: Valentin Thilo der Jüngere, 1607-1662; Melodie: inspiriert durch das französische Lied Une jeune pucelle, Lyon 1557). Eine Strophe zur Ansicht (Quelle: Psalmen und Lieder / Matthias Stempfle, Klick!):

Hier gibt es viele textliche Verweise auf Bibelzitate, zu Beispiel Jesaja 40,3-4:
„In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“
All dies mit großem Ernst, o Menschenkinder, damit zur Feier des Herrn alles vorbereitet sei!
Zum Lied des 4. Advents wird unterschiedliches berichtet:
Dein König kommt, o Zion (Text: Friedrich Adolf Krummacher, 1767-1845; Melodie: Johann Christian Weber, 1808-1877) – der Text:
Dein König kommt, o Zion,
er kehret bei dir ein.
Auf, lasset uns ihm Palmen streun,
sanftmütig kommt er in sein Reich.
Jauchzt ihm, alle Lande,
freuet euch, freuet euch!
Hosianna in der Höh!
Der Herr ist da, halleluja!
Preiset seinen Namen,
Hosianna, amen!
…oder: Tochter Zion (Text: Friedrich Heinrich Ranke, 1798-1876, Melodie nach Georg Friedrich Händel, 1685-1759) – der Text:
Tochter Zion, freue dich! Jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir!
Ja, er kommt, der Friedensfürst.
Tochter Zion, freue dich! Jauchze laut, Jerusalem!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ew’ges Reich.
Hosianna in der Höh’.
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron,
du, des ew’gen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Aufruf!
Seid ihr aus Gütersloh und habt schon mal im Advent früh morgens mitgesungen? Oder wisst ihr aus sicherer Quelle, welches Zion-Lied hier gesungen wird?
Sind es am Ende vielleicht sogar beide? Bitte schreibt mir!
Wind und Wetter
Sicher weiß ich, dass die Adventssängerinnen und -sänger auf ihrem Weg hier und dort auch den Bläsergruppen begegnen, die ebenfalls unterwegs sind, um mit Adventsliedern die Menschen einzustimmen. Ca. 2 Stunden dauert eine Tour, ungefähr 25 Mal werden die Strophen abwechselnd gesungen. An manchen Orten gibt es eine kleine Rast mit Mandarinen und Schokolade. Bei JEDEM Wetter…! Respekt, Gütersloh!
Na, wer hat’s gemerkt?
Der EVANGELISCHE Jünglingsverein übernahm das Gütersloher Wächtersingen? PAUL GERHARDT, der berühmteste aller evangelischen Kirchenliederdichter?
Ja, einige Hinweise häufen sich: Das Adventssingen in Ostwestfalen ist evangelischen Ursprungs! Gütersloh ist mehrheitlich evangelisch, dort hat sich die Reformation also tatsächlich im 16. Jahrhundert durchgesetzt. Anders als in Münster…
Nichtsdestowenigertrotzundalledem singt mensch in ganz Westfalen natürlich längst ökumenisch…!
Musik liegt in der Luft – auch in Münster
Musik ist doch die schönste Bereicherung, die es zu allen Zeiten gibt. Und oh, du meine Güte, was gibt es nicht für wunderschöne Adventslieder!
Schwarmträllern, Hausmusik, öffentliche Konzerte oder güterslohisches Adventssingen – auch in Münster gibt es noch einige Gelegenheiten, musikalisch in Stimmung zu kommen:
Advent klingt, leuchtet, duftet und schmeckt in jedem Stadtteil anders, probiert’s aus! Advent in den Stadtteilen Münsters, Klick!
Festliche Musik zur Weihnachtszeit erklingt an den Adventssamstagen vom Sentenzbogen des Stadtweinhauses am Prinzipalmarkt. Die Bläserkonzerte beginnen jeweils um 16.48 Uhr. Am 13. Dezember musiziert „Galaxy Brass”, das Blechbläserensemble der Universität Münster. Zum Abschluss am 20. Dezember laden die Blechbläserensembles der Westfälischen Schule für Musik ein zum großen gemeinsamen Adventsblasen vom Sentenzbogen und auf dem Prinzipalmarkt.
Auch die Glockenspiele in der Innenstadt spielen aktuell adventliche Weisen.
Der diesjährige Cityadvent in der Überwasserkirche ist erneut etwas einzigartig Besonderes:
„Der Cityadvent 2025 gestaltet das Adventslied Maria durch ein‘ Dornwald ging als raumgreifende Installation. Der Dornwald zeigt bedrängendes Böses und Schlechtes, das verzweifeln lassen könnte. Aber die Dornen tragen Rosen. Sie verwandeln den Dornwald und nähren die adventliche Erwartung der Weihnacht. Sie verweisen auf die Hoffnung, dass das Gute die Oberhand behalten kann, wenn die erlösende Antwort Gottes im eigenen Leben gefunden wird.“
CityAdvent, Klick!
Und zu den Weihnachtskonzerten „Hört der Engel helle Lieder“ lädt das Sinfonieorchester Münster, klick!
Gönnt euch Musik! Musikalische Grüße zum 3. Advent sendet euch allen mit fröhlichem Ausblick von hier oben aus der Turmstube auf St. Lamberti
Eure Türmerin von Münster.

Quellen und Weiterführendes:
Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh: https://www.ekgt.de/aktuelles-termine/guetersloher-adventssingen
Westfalen-Blatt: https://www.westfalen-blatt.de/owl/kreis-guetersloh/guetersloh/ihre-stimmen-haben-tradition-1222557
Dietmar Sauermann, Zwischen Advent und Dreikönige, Waxmann Verlag, Münster 1996:
(…) Jedoch taten sich in Gütersloh bereits in der Adventszeit manche von ihnen hervor, indem sie den Nachtwächter nach besten Kräften unterstätzten. Der nämlich sang wohl seit Beginn des 18. Jahrhunderts in der Adventszeit vor den Bürgerhäusern fromme Lieder. Im 19. Jahrhundert artete dieser Gesangsbrauch jedoch zu einer nächtlichen Ruhestörung aus, weil sich auch „Radaulustige und Angetrunkene zu den Sängern gesellten“, und wäre beinahe verboten worden. In abgewandelter Form unter dem Namen „Adventssingen“ gibt es diesen Brauch in Gütersloh noch heute.(…)



Liebe Türmerin
Es ist immer wieder herzerfrischend von Dir zu lesen.
Immer mit positivem Aspekt und für uns Leser mit vielen neuen Erkenntnissen
Vielen Dank und weiter so !
Einen schönen Advent
Danke! Auch ich wünsche einen schönen Advent! 🙂
Die Türmerin von Münster
Liebe Türmerin,
das ist Ihnen wohl beim Eintrag zum 3. Advent durchgerutscht – das Lied „Mit Ernst o Menschenkinder“ müsste – anders als von Ihnen bzw. auch bei MuseScore dargestellt, eigentlich auftaktig notiert sein…
Herzlichen Gruß
Christian
Das ist völlig korrekt und mir beim ersten Hochladen nicht aufgefallen – ich bin sehr dankbar für diesen Hinweis!
Nun habe ich es korrigiert, auf der Seite Psalmen und Lieder von Matthias Stempfle ist es prima dargestellt, Verlinkung ist enthalten.