direkt vom turm gebloggt

Bielefeld und der Glockenturm auf der anderen Seite des großen Ozeans / Bielefeld and the bell tower across the Big Pond

In diesem etwas längeren Blogbeitrag geht es um unglaubliche Zusammenhänge und die Spezialinteressen der Türmerin von Münster, die offenbar auch andere Menschen teilen…

Glocken, ein Spezial-Turm, eine kleine Stadt in den USA und eine etwas größere Stadt in NRW, eine historisch wertvolle Sammelleidenschaft und das Hobby der Türmerin von Münster sind die Bausteine meiner heutigen Geschichte…

For my global friends and followers – there is an Englisch version of my article … please scroll down to read about some bells, a unique tower, a small American town, a German city near Münster, the historically significant collector’s passion and a towerkeeper’s hobby… 🙂

Die kleinen Dinge des Lebens wahrnehmen und feiern – das gelingt mir immer noch erstaunlich gut, das liegt vielleicht auch am ganz besonderen Ambiente meines Arbeitsplatzes, der Türmerstube auf der katholischen Stadt- und Marktkirche St. Lamberti in Münster.

Was für ein historischer Ort! Und in diesen Tagen bedeutend: garantiert ohne Coronaviren, dafür mit Ausblick, Weitblick und Rundumblick. 

Jeden Abend zur Dienstzeit sieht’s anders aus, manchmal putzen sich die Giebelhäuser des Prinzipalmarktes zu Füßen St. Lambertis ganz besonders hübsch heraus, z.B. kürzlich mit Europaflaggen zum Europatag am 9. Mai 2020.

Und immer wieder sehr putzig – junge Täubchen üben das Fliegen und Landen auf dem Kirchendach:

Foto: m-ART-je

Solch ein Anblick inspiriert mich auch als Künstlerin und Privatmensch außerhalb der Dienstzeit. Eines meiner Hobbies, die in Zeiten der maximalen Kontaktbeschränkung aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen besonders nice gepflegt werden können: Postkartenschreiben. Oldschool mit Handschrift und so! Vor einiger Zeit fing ich an mit Postcrossing – dort bekommt man als Mitglied verschiedene Adressen von anderen Mitgliedern aus aller Welt zufällig zugeteilt und schon beginnt die Entdeckung unseres wundersamen Planeten und seiner Bewohner ganz ohne Reisen… perfekt in den Zeiten von Corona. Wer von Postcrossing noch nichts gehört hat, klickt HIER!

Über Postcrossing schrieben mir also kürzlich Menschen von exotischen Orten wie dem spanischen Baskenland, von einem ehemaligen Satellitenbunker in Polen, einer abgelegenen Siedlung in Russland, und: aus Bielefeld.

Da lacht der Spaßvogel: Bielefeld? Gibt’s doch gar nicht. Hach ja. Oft gehört und leider immer noch ein bisschen lustig. Entschuldigung, ihr Menschen aus Bielefeld! Bitte lest hier weiter, denn jetzt kommt’s wirklich cool: 

Andrea aus Bielefeld schrieb mir also eine Karte. Auf dieser war ein Turm aus lauter Glocken (15 Stück) zu sehen. Das ist der „Henry A. Niewoehner Memorial Bell Tower“. Und der steht in einer Stadt namens Rugby in North Dakota, United States of America. 

Henry A. Niewoehner Memorial Bell Tower

Andrea aus Bielefeld schreibt dazu, vor Jahrzehnten seien ihre Vorfahren ausgewandert, und ein Cousin von ihr habe diesen Glockenturm auf seinem Grundstück errichtet.

Wir schrieben online noch ein bisschen hin und her, und ihr amerikanischer Cousin Dale G. Niewoehner schickte mir sein Büchlein „Dakota Bells. A Narrative of the Henry A. Niewoehner Memorial Bell Tower“ über ebenjenen ungewöhnlichen Glockenturm.

Davon muss ich natürlich hier im Türmerinblog berichten! 

Und für die Après-Corona-Zeit kann man sich bei Gelegenheit ja auch einen Besuch in Rugby, North Dakota vornehmen – selbst einschlägige Reiseportale online kennen diesen Point of Interest!

Dale G. Niewoehner, Nachfahre von Auswanderern aus Bielefeld, und seine Frau Marilyn sind Inhaber eines Bestattungsunternehmens in Rugby, North Dakota, USA. Seine Familie, so schreibt er in dem genannen Buch, hat ein Faible für Sammlungen, und die erste Glocke, die schließlich diese spezielle Sammlung begründete, ging 1958 in den Familienbesitz über.

Offenbar haben auch Freunde und Bekannte der Familie Niewoehner immer mal Augen und Ohren offengehalten und auf Auktionen und andere Gelegenheiten, Glocken mit Geschichte zu erwerben aufmerksam gemacht.

Auch ein Bauunternehmen wurde schließlich gefunden, das sich der Aufgabe annahm, eine angemessene Präsentationsform für die Glockensammlung zu schaffen: Einen Turm. Jede einzelne Glocke ist voll funktionsfähig und kann auch tatsächlich am Turm selbst geläutet werden, jede*r Interessent*in bekommt gegen 5 $ dazu ein Exemplar des Buches.

Alles, was über die 15 Glocken am Bell Tower bekannt ist, hat Dale G. Niewoehner in seinem Buch recherchiert und erwähnt. Glocken haben ihn schon früh fasziniert, ihr Klang und die interessanten Hintergrundgeschichten – er beschreibt die Glocken seiner Sammlung, beginnend von oben nach unten, ganz oben hängt zum Beispiel eine Stahlglocke, die in Ohio angefertigt worden ist und in der Brinsmade Presbyterian Church in North Dakota beheimatet war. Sie wiegt ungefähr 1300 Pfund. Die Kirche ist 1905 gebaut worden und diente verschiedenen religiösen Gemeinden, und 1980 ist die besagte Glocke durch eine Bronzeglocke ersetzt worden – sie wurde aus dem Glockenturm der Kirche entfernt und an einen Farmer verkauft. Von diesem erstand sie dann im Jahr 1994 der Sammler Niewoehner.

Auch eine Brandglocke ist in der Sammlung enthalten: sie hängt an dritter Stelle und stammt ursprünglich aus dem Gebäude der Feuerwehr in Rugby, North Dakota! Wer sie einst angefertigt hatte, ist nicht überliefert, nur eine Inschrift stellt wahrscheinlich das Datum dar: 1-19-01. Aber über die Nutzung der Glocke verzeichnet Dale G. Niewoehner:

„When the bell was installed to call for help in time of fire, the ringer of the bell had to stay and report where the fire was.“

[Wenn die Glocke wegen eines Brandes geläutet worden ist, musste derjenige, der sie läutete, vor Ort bleiben und Auskunft über den Ort des Feuers geben. Übersetzung durch mich]

Interessant auch die folgende Anekdote, die Niewoehner aufgetan hat: 

„The fire alarm was sounded by the ringing of the fire bell at 1.30 a.m. on July 24th, 1908 and fire was discovered… the bell was rung by some farmer who did not understand how to ring the bell…“

[Um 1:30 Uhr am 24. Juli 1908 ist die Brandglocke wegen eines Feuers geläutet worden, offenbar von einem Farmer, der über die Funktionsweise der Glocke nicht richtig Bescheid wusste… Übersetzung durch mich]

Als die Feuerwehr 1964 ein neues Gebäude bezog, wurde diese Brandglocke durch eine Sirene ersetzt und mit anderen nicht mehr benötigten Gerätschaften in einem Schuppen gelagert, bis die Stadt Rugby 1995 alles aufkaufte. So kam auch diese Glocke schließlich in die ungewöhnlich Sammlung der Niewoehners.

Dann gibt es noch verschiedene Schulglocken und andere sehr interessante ausrangierte Glocken, die zunächst auf dem Grundstück der Niewoehners hier und dort Platz fanden, aber Dale G. Niewoehner fand es irgendwann einfach zu schade, manche Glocken nur am Boden „hocken“ zu lassen („sitting on the ground“). Also suchte er nach einer angemessenen Präsentationsform und konnte schließlich im Jahr 2000 seinen Spezial-Glockenturm einweihen – mit einer offenbar schönen und großen typisch amerikanischen Zeremonie mit Glockenturmsegnung, patriotischer Musik und einem persönlichen Grußwort des anwesenden damaligen US-Senators Kent Conrad.

Benannt hat Dale G. Niewoehner seinen Turm nach seinem Vater, Henry A(ugust) Niewoehner, 15. Dezember 1906 – 4. Oktober 1997, der damals die Sammlung begann und einen steinernen Hügel für die erste Glocke baute.

Am Ende der Zeremonie, so wird berichtet, haben die über 150 Anwesenden die Glocken 20 bis 30 Minuten zum Klingen gebracht und sich gemeinsam über dieses neue Wahrzeichen von Rugby gefreut!

Liebe Andrea aus Bielefeld, herzlichen Dank für den Anstoß zu dieser tollen Geschichte auf Deiner Postkarte, und lieber Dale G. Niewoehner aus Rugby, herzlichen Dank für die Zusendung Ihres Buches über die Glocken Ihrer Sammlung!


++++++ ENGLISH VERSION ++++++


Bielefeld and the belltower across the Big Pond

This is the incredible story about how I learned about the existence of a belltower in a little town in the United States of America by writing postcards, my new hobby.

I joined the Postcrossing community a while ago and enjoy it very much – especially in these weird and uncertain times of the coronavirus pandemic. Because instead of travelling the world you get postcards from all over the world! For those of you that haven’t heard about this Postcrossing thing – here’s the link, click!

A short description: You register as a member with your home adress or a P.O. Box, then you get the adresses of random members. On their profiles you can see who they are, what they like and so on. And as you write more and more postcards, you get the same amount back from all over the world, with interesting stamps, it’s really cool!

And this is where Bielefeld comes into play:

My last postcards came from exotic places like the Basque Country in Spain, an old satellite bunker in Poland or a remote town in Russia. And then one day: a card from Bielefeld! 

Bielefeld is only 80 kilometers away from where I live, and has about as many inhabitants as Münster. And there is a myth about the city of Bielefeld. It says… the town doesn’t really exist.

Yes, you probably have heard about this story, the so-called „Bielefeld conspiracy“, where it is claimed that the town does not exist in reality and nobody ever visited there. It’s a running gag in this area of North Rhine Westphalia. But I am pretty sure it does exist – or how else would I have gotten this special card from Andrea? 

An unusual tower with 15 different bells is pictured on the front, and Andrea gives the story behind it: Her relatives long ago emigrated to the United States of America from Bielefeld, Germany. They are based in Rugby, North Dakota, and the cousin of Andrea’s (Dale G. Niewoehner) is the owner of a funeral home there. 

The tower with the bells is located on the property of that funeral home and Dale G. Niewoehner is the exceptional collector of bells.  The first bell of that family was an old schoolbell that no longer was active. The father of Dale, Henry A(ugust) Niewoehner, purchased it and put it on a cairn which he built by himself.

Dale is very interested in history – and with collecting bells from different origins such as schools, churches and even the local fire hall where the fire bell was replaced by a modern siren, he did research on all of them. He wrote a book about his passion for bells and their history in which he mentions:

„When the bell was installed to call for help in time of fire, the ringer of the bell had to stay and report where the fire was.“
„The fire alarm was sounded by the ringing of the fire bell at 1.30 a.m. on July 24th, 1908 and fire was discovered… the bell was rung by some farmer who did not understand how to ring the bell…“

This reminds me of the fire and alarm bell „Rats- und Brandglocke“ on the tower of St. Lambert’s Church, the sounding of which is not to be practised but has to be perfect whenever there is an official duty to ring it – which was, of course, in cases of fire within the inner city. And nowadays nearly every 5 years with the confirming of the elections of a new Mayor in Münster. Very few other reasons to ring this special bell in Münster do exist (e.g. European Peace Ringing of all bells, and this year the 75th anniversary of the end of the Nazi regime in Germany, Victory-in-Europe-Day in other countries).

Dale G. Niewoehner wanted to present his wonderful bells in a special way, he found a company that was able to build a tower where all 15 bells could be placed – and even tolled!

Every bell ist fully functional. There is no real fee for the bell tower, but for $ 5 the person gets a copy of the book and allowed to ring some bells on the property of the Niewoehner’s funeral home beside the former Presbyterian Church.

Even the tourist sites on the internet list the „Henry A. Niewoehner Memorial Bell Tower“ in Rugby, North Dakota as point of interest – et voilà! Your destination après Corona!

In the above-mentioned book, the dedication and opening ceremony of the Bell Tower is described as cheerful with approx. 150 or more people visiting, the United States Senator  Kent Conrad (D-ND), now retired, was there and spoke words of welcome, patriotic music was played, and the new chiming landmark even was consecrated before the bells rang out loudly by Marilyn and Dale G. Niewoehner and then their guests.

Dedicated as mentioned before to Dale’s father, effectively the founder of the growing bell collection with the first bell in 1958 for the Niewoehner family. Henry was born on the 15th of December in 1906, and he died on the 4th of October In 1997. In the year 2000, his son, the cousin of Andrea from Bielefeld, had his memorial tower opened to the public eye.

I am very glad you shared this unique story with me, Andrea, thank you!

And thank you, Dale G. Niewoehner, for sending me your book with the interesting infos about your project and the bells! To you both and your families: Please let me know if you ever come to visit Münster, maybe we could meet and I tell you about „my“ tower 🙂


I feel like this story enrichened my life as it has many aspects that I feel connected to. In 2014, I took part as contributor (speaker) at an exhibition called „Heavy Metal“ – revolving around bells, bells, bells… Just my cup of tea! Cheers!

1 Kommentar

  1. Hannes Demming

    Hochinteressant! Und schön geschrieben! Danke!

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