Wir machen heute einen Zeitsprung mitten rein ins Historytainment. Es geht um einen Mann, der Opa Stüer genannt wurde, einer meiner Vorgänger war, und darum, welcher Zufall mir ein privates Foto von ihm in die Hände spielte.

Im April 1942 starb der städtische Türmer von Münster. Sein Büro, die Turmstube auf der katholischen Stadt- und Marktkirche St. Lamberti, blieb zunächst, bis 1950, unbesetzt. Das erwies sich als richtige Entscheidung; denn im Jahr 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde das Stadtzentrum rund um die Lambertikirche schlimm durch Bomben zerstört.

Das Stadtmuseum beschreibt dies so:

Wer war der Türmer, der diese Zerstörung
seiner Stadt nicht mehr erlebt hatte?

Gerhard Stüer war sein Name. Er begann seine Tätigkeit für die Stadt Münster im Jahr 1924. Und zwar in der Silvesternacht!

Sein Vorgänger und Namensvetter, Gerhard Altepost, hatte in der Silvesternacht 1922 aufgehört – oder besser gesagt: aufhören müssen. Die Inflation war schuld daran, und die politischen Entscheidungen der Stadt Münster, den Türmerposten einzusparen. Dass diese Entscheidung aber nicht leicht fiel und außerdem so einiges daran hing, das lest ihr in meinem Artikel „Silvester ist Schluss – das letzte Tuten“, Klick!

Ich kenne Gerhard Stüer nur aus meiner Recherche. Er ist ein Name, er ist eine Jahresangabe (Türmer von 1924-1942), er ist auf ein paar alten Fotos (der Türmer mit dem kurzen Horn):

Ein Türmer mit einem kurzen Horn bläst ein Signal, er steht auf der Galerie oben auf der St. Lambertikirche in Münster.

Vor kurzem hat Gerhard Stüer eine neue Facette dazubekommen: Er ist ein ganz persönliches, echtes Foto in Schwarz-Weiß. Auf der Rückseite steht: Opa Stüer, Türmer von St. Lamberti.

Es zeigt Gerhard Stüer sitzend im Halbprofil, neben sich das Türmerhorn, im Mund eine lange Tabakspfeife – das war mal sehr modern –, hinter sich an der Wand das berühmt-berüchtigte Propaganda-Plakat mit dem Schriftzug „EIN VOLK. EIN REICH. EIN FÜHRER.“

Und damit kann man auch die Zeit der Aufnahme ungefähr eingrenzen: Seit 1933 warben die Nationalsozialisten mit dieser Losung aggressiv für nationale Geschlossenheit und ihr Ideal der sogenannten „Volksgemeinschaft“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 fand das Motto verstärkt Verwendung, um die Einheit von „Führer“, Partei und Bevölkerung auf Österreich zu übertragen und um die nationale Einheit von Deutschen und Österreichern als „ein natürliches Volk“ mit gemeinsamer Geschichte und Zukunft zu propagieren.

Dass dieses Plakat im Hintergrund zu sehen ist, lässt allerdings keine Rückschlüsse auf die Gesinnung des Türmers zu – uns bleibt ohne weiteres Wissen der Umstände nur, es vor dem Spiegel der Zeit zu sehen (üble Propaganda war allgegenwärtig), und die Turmstube war schließlich ein städtischer Büroraum, vielleicht gab eine Anordnung, das Plakat zu hängen? Wenn es jemand weiß, der diese Zeilen und meine Frage liest, freue mich mich über einen Kommentar oder eine Zuschrift!



Ich freue mich jedenfalls über diese Bereicherung meiner kleinen historischen Sammlung über die Türmer von Münster und werde weiterhin die Ohren, die Augen und mein Herz offenhalten für Mosaiksteine über Münstergeschichte, mein Spezialinteresse.

Überreicht hat mir dieses Foto Frau N. von der kfd in Münster-Süd, bei einem meiner Informations-Vorträge über das Städtische Türmerwesen von Münster.

Ich darf dieses Familien-Erinnerungsstück behalten, da es mit jeder Generation weniger Menschen gibt, die noch eine lebendige Erinnerung an Opa Stüer haben. 

Ich werde dieses Kleinod in Ehren halten und hoffe, bald noch mehr über Gerhard Stüer und andere meiner illustren Vorgänger auf dem Lambertikirchturm zu erfahren.

Vielen herzlichen Dank, liebe Frau N.! Alles erdenkliche Gute Ihnen und allen meinen Leserinnen und Lesern,

Eure Türmerin von Münster.